Neue Perspektiven

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Bild von Patricio González auf Pixabay

Heute hat sich ein zentraler Knoten in meinem Kopf gelöst. Ich hatte bisher häufig den Schülern Texte gegeben, in welchem geklärt wurde, wie sie vorgehen sollen. Die Schüler haben sich den Text erarbeitet und damit versucht die Aufgaben zu lösen. Was ich mich jetzt frage, woher kommt dieser Unterrichtsgang? Vermutlich hatte ich ihn einst selbst erlebt.

Heute habe ich bei meiner Mentorin hospitiert und habe man ein gutes Beispiel für ein entwickelndes Unterrichtsgespräch erlebt. Bisher hatte ich diese Methode nicht angewandt und ich konnte sehen, dass es die Schüler mehr aktiviert, wie bei meiner Methode. Ihr Vorgehen hat den Vorteil, dass es mehr Kontrolle über die Lernprozesse hat. Es ist besser möglich die Gedanken der Schüler zu strukturieren und begleitend dazu den Prozess zu visualisieren, wenn notwendig. Das so erarbeitete kann dann anschließend in Übungen angewandt werden und in einem neuen Kontext gesichert werden. Das Ganze erscheint mir jetzt so fürchterlich einfach, dass es mir schon peinlich ist, dass ich bisher diese Methode nicht angewandt habe. Ich hatte den Anspruch, dass die selbst die Inhalte erschließen. Das war für viele Schüler nicht zu schaffen. Am Ende waren sie nur frustriert, dass sie nichts gelernt haben und ich war frustriert, dass sie nichts gelernt haben.

Auch wenn die Methode zunächst so einfach zu sein scheint, erfordert sie enorme Kompetenzen in der Gesprächsführung. Ich muss mir also künftig viel mehr Gedanken über meine Impulse machen. Wie würde ich es einem Nachhilfeschüler erklären? Welches Wissen benötigen die Schüler, um das zu verstehen?

Vor allem sollte ich noch viel mehr von hinten der Stunde denken. Was soll am Ende der Stunde im Hefter stehen? Welche neue Kompetenz sollen die Schüler entwickeln oder vertiefen? Und wie komme ich dahin? Woran erkenne ich dann den Lernzuwachs?

Mit diesen neuen Maßstäben erblasst meine Performanz von heute. Ich hatte den Schülern ein Problem aufgezeigt, dass sie nicht interessiert hatte. Sie waren dementsprechend auch wenig motiviert den Text zu lesen. Ich denke, dass ich heute viel dazu gelernt habe. Es tut natürlich weh, wenn ich jetzt sehe, was vorher für mich nicht sichtbar war. Ich hatte mich gefragt, wie ich Lernprozesse sichtbar mache und erst jetzt verstehe ich, dass da zu wenig Lernprozesse zu sehen war. Jetzt verstehe ich, warum ich im Examen durchgefallen bin. Jetzt verstehe ich den ganzen Frust meiner Schüler. Jetzt verstehe ich, was mir meine Kollegen sagen wollten.

Das alles scheint mir so banal, aber es war mein blinder Fleck. Ich hatte mit dem Verfassen meiner Arbeitsblätter mir stets so viel Mühe gegeben, aber das war ein völlig falscher Fokus. Zwar bereitet mir das Verfassen von Texten große Freude, aber das ist nicht das, was meine Schüler brauchen. Texte gibt es auch im Internet. Schüler schwärmen immer wieder unter den Erklärvideos, wie toll das doch erklärt wurde. Und auch in meiner Lernlektüre, was lernwirksam ist, steht auch klare Instruktion. Zwar ist das nicht gleichzusetzen mit Frontalunterricht, aber bisher habe ich zu wenig erklärt. Aber das war ja ursprünglich das, was mir an meiner Dozententätigkeit so viel Freude gemacht hatte.

Was es nun zu lernen gilt, ist das ganze zu Verknüpfen. Meine Stärken im Unterricht waren bisher die Problemorientierung. Aber die Schüler konnten dann zwar die Aufgaben lösen, aber zur nächsten Stunde war das Vorwissen nicht mehr abrufbar.

Es fühlt sich gut an endlich sehend zu sein, auch wenn es mir sehr peinlich ist, dass ich vorher so blind war. Und ab morgen steht die ganze Planung Kopf. Die ganzen Phrasen den Unterricht von hinten zu planen, oder verkehrt herum planen, ergibt plötzlich Sinn. Diese Erkenntnis war anstrengend, aber sie war notwendig, um eine bessere Lehrkraft zu werden. Und plötzlich steht die Welt nicht mehr auf dem Kopf. Ab heute gibt es eine neue Blickrichtung.

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