In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

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Bild von Stefan Keller auf Pixabay

Auch in der aktuellen Debatte um Hartz IV und das menschenunwürdige Sanktionieren oder die Grundrente verrennen wir uns schnell in Grundsatzdiskussionen. In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Vergessen wir für einen Moment die Zahlen. Bevor wir ein vollständiges Konzept ausarbeiten, sollten wir uns fragen, wie wir den Hunger nach Gerechtigkeit stillen können. Hinter all den Fragen steht: Was ist der Mensch?

Gerade für ein so wohlhabendes Land wie Deutschland ist es eine Schande, dass Rentner mit Taschenlampen die Müllbehälter nach Pfand durchsuchen. Ist es vielleicht sogar kein Zufall, dass die letzten Sozialreformen mit Hartz IV und der Anhebung des Rentenalters, sowie der Kürzung des Rentenniveaus zeitgleich mit der Einführung des Dosenpfandes eingeführt wurden? Stellen wir uns lieber eine Welt vor, wo andere nicht den Müll durchsuchen müssen, um vielleicht doch noch etwas Brauchbares zu finden. Wir müssen den Sozialstaat komplett neudenken.

Gerade in der aktuellen Debatte um die Grundrente ist in der Groko die Diskussion über die Bedürftigkeitsprüfung entbrannt. Wer keine Hilfe braucht, der soll auch nicht unterstützt werden. Wer sich solcher Parolen bedient, vergisst, dass gerade das Offenbaren der finanziellen Verhältnisse für die Menschen oftmals als würdelose Bettelei empfunden wird. Zudem wird bei der Bedürftigkeitsprüfung ebenfalls wieder Geld durch die Prüfer verbraucht.

Aber auch bei Hartz IV wird ebenfalls überprüft, ob tatsächlich Hilfe benötigt wird. Auch dort wird es menschenunwürdig empfunden seine finanziellen Verhältnisse offen legen zu müssen. Und was steckt für ein Menschenbild dahinter? Menschen, die ihr Leben lang sparsam gelebt haben, werden nun Menschen, der alles verprasst hat in seiner Vergangenheit benachteiligt? Sollte es echt das Ziel sein, dass die Menschen ihr ganzes Geld verprassen? Ist es gerecht, wenn der eine Rentner Geld bekommt, weil er sein ganzes Geld verschwendet hat und ein anderer Sparsamer Rentner mit der sonst gleichen Geschichte bekommt nichts?

Können wir überhaupt von Gerechtigkeit sprechen, wenn das gleiche Schicksal einen Arbeitslosen trifft? Ist es gerecht, wenn der Sparsame seine Ersparnisse ausgeben muss, während der Verschwender sofort Geld erhält? Wäre es richtig die Sparer zu verurteilen, die ihr Erspartes verstecken?

Diese moralischen Dilemmata sind mit herkömmlichem Denken nicht zu lösen. Ein Ausweg wäre das die Bedingungslosigkeit. Häufig wird entgegnet, dass dann keiner mehr arbeiten wollten würde. Doch dieses Argument könnte generell gegen den Sozialstaat entgegengebracht werden. Müssten wenn wir die Eigeninitiative stärken wollen nicht den Sozialstaat komplett abschaffen? Es ist ein Grundbedürfnis von Lebewesen sich zu beschäftigen. Doch dann würde die Angst um die eigene Existenz steigen. Wer ständig sich ständig fürchtet, der wird nicht sein Potential ausleben können. Ein Mindestmaß an Geld ist notwendig, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen.

Auch bei einer neuen Arbeitsstelle wird erst das Gehalt verhandelt und erst dann muss das Potenzial gezeigt werden. Das Grundeinkommen würde uns einen Vertrauensvorschuss gewähren. Du musst dir um seine Existenz keine Sorgen mehr machen, aber jetzt zeige, was du kannst. Zudem befreit es uns vor der lästigen Frage nach dem Kern der Arbeit. Was nehmen wir überhaupt als Arbeit wahr? Warum ist das Putzen in der eigenen Wohnung keine Arbeit, während das Putzen für jemand anderen plötzlich Arbeit daraus wird? Und ist es psychisch nicht viel anstrengender seine eigenen Eltern zu pflegen als fremde? Was würde eigentlich passieren, wenn plötzlich alle Ehrenamtliche mit ihrem Engagement aufhören würden? Viele Sportvereine müssten schließen. Auch die Arbeit unserer Politiker wird durch den Wahlkampf Ehrenamtlicher ermöglicht. Auch die Kirche oder Jugendhäuser setzen auf die unbezahlten Helfer. Auch der Tierschutz oder andere wohltätige Organisationen würden in ihrer Arbeit stark eingeschränkt. Gleichzeitig leisten wir uns ein Millionenheer an Arbeitslosen, die in Angst leben müssen. Dazu kommen dann noch die Arbeitnehmer, die nicht wirklich mehr haben als Hartz IV. Aktuell arbeiten knapp 20 % im Niedriglohnsektor. Oftmals sind sie auf die Unterstützung von der Lebensmitteltafel abhängig, wo auch wieder Ehrenamtliche arbeiten.

Auch wenn die Idee mit dem Vertrauensvorschluss zunächst neu und revolutionär klingt, gibt es erste Ansätze zum Grundeinkommen schon seit dem 19. Jahrhundert. Schon vor mehr als 30 Jahren forderte Dahrendorf ein garantiertes Einkommen für jeden Bürger. Populärer war der Vorstoß von dem dm-Gründer Werner. Er spricht sich seit 2010 für ein Grundeinkommen aus.

Verwirrend ist allerdings die Vielzahl von Grundeinkommen, die je nach Parteizugehörigkeit die Debatte vernebeln. Bevor wir tiefer in die Materie einsteigen, sollten wir vor allem eines im Klaren sein: Wenn unsere Gesellschaft systematisch auf Angst setzt, muss sich nicht wundern, wenn wir krank werden oder durch biochemische Substanzen versuchen der Realität entfliehen oder uns zumindest das Bedürfnis haben bei alldem nicht mehr mitmachen zu müssen. Hinterfragen wir die Parolen unseres aktuellen Systems und lassen wir die eine Armut nicht gegen die Armut anderer ausspielen. Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt. Das Geld wäre da. Es ist eben nur ungerecht verteilt. Aber es ist da.

Offen bleibt am Ende die Frage aus dem Anfang nach dem Menschsein. Wenn wir Menschen sanktionieren und ihnen das gesamte Geld kürzen, weil sie im System nicht funktionieren der funktionieren wollen, was sind wir Menschen denn anderes als Maschinen, die bei Defekt abgeschaltet werden?

Ein Kommentar zu „In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

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  1. “ Ist es vielleicht sogar kein Zufall, dass die letzten Sozialreformen mit Hartz IV und der Anhebung des Rentenalters, sowie der Kürzung des Rentenniveaus zeitgleich mit der Einführung des Dosenpfandes eingeführt wurden?“

    … wohl wahr werte Frau Haimart, hat da nicht „Rot-Grün“ unter ihren umjubelten Führungs-Persönlichkeiten nicht ganze Arbeit geleistet.

    So bleibt auch die Frage etwas aktiver in unserem Hirn, wenn man sich doch wahrlich fragt, ob hier „ein paar Dinge“ auf den Kopf gestellt werden/sind.
    Wer dann noch Traute hat, darf gerne tiefer schauen …

    Ergo, haben wir Mut und halten an der Liebe fest,
    Raffa.

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