Federn gelassen.

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Bild von Myriam Zilles auf Pixabay

Vor neun Monaten machte sich die junge Idealistin Bärbel D. Weisshaupt auf, um nach erfolgreicher Fähigkeit als Dozentin über einen Umweg doch noch Lehrerin zu werden. In ihrer Freizeit redete sie stets viel von sozialer Gerechtigkeit und hatte wirklich Freude daran ihren Mitmenschen die Welt zu erklären. Alles schien so klar. Sie war beflügelt. Doch dann landete sie an einer Brennpunktschule und wird seitdem mehr und mehr von der Wirklichkeit eingeholt. Sie ist überfordert.

Der Großteil der Schüler will nicht lernen. Und sie besitzt nicht die Präsenz, um im Klassenraum zu bestellen. Ihre Aufgabenstellungen überfordern viele Schüler. Wenn sie dann sich in der Arbeitsphase auf Gespräche einlässt, bemerkt sie nicht, dass die anderen Schüler dem Lernen ausweichen. Am Ende hagelt es nur schlechte Noten für die Schüler und die Lehrer-Schüler-Beziehung wird gestört. Besonders problematisch ist es, dass dies sowohl für die kleinen als auch für die großen Schüler gilt. Fachlich ist sie fit. Menschlich ist sie freundlich, wenn nicht gar zu freundlich.

Düster schaut sie in die Zukunft. Sie sitzt mit dem Rücken zu Wand. Frau Wendorff, eine junge Kollegin, nicht einmal 30 Jahre alt, fehlt schon seit den Herbstferien. Und sie ist nicht die Einzige. Vorher hatte sie gesagt, dass  sie nicht mehr leben möchte.  Auffällig viele junge Kollegen fehlen an der Schule von Bärbel Weisshaupt. Sie kommen nicht damit klar, dass die Erziehungsarbeit nicht funktioniert. Und natürlich funktioniert sie auch nicht bei Bärbel Weisshaupt. Sie hatte versucht den Unterricht von den Kollegen zu kopieren. Doch dazu fehlt ihr die Präsenz.

Wie könnte ihr geholfen werden? Die Ausbilder drängen darauf, dass die Ausbildung verlängert wird. Natürlich geht es am Ende nur ums Bestehen. Auf sechs Monate kommt es nicht an. Doch ob die Verlängerung den Durchbruch bringt? Lernpsychologisch neigen gerade junge Lehrer dazu den Unterricht aus ihrer Schulzeit zu wiederholen. Und das weiß sie genau, dass der nicht gut war. Und das spiegelt sich sicher in ihrem eigenen Unterricht.

Das Ziel scheint verschwommen weit. Zerrieben vom System, zerrieben von den eigenen Dämonen, zerreiben die Schüler die junge Lehrerin, von der sie merken, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Die Frau im Spiegel will wissen, wann das Leben anfängt.  Die Frau im Spiegel will wissen, wo die letzten Jahre geblieben sind. Die Frau im Spiegel will wissen, wohin zu gehen ist. Was ist aus den Flügeln geworden? Sie möchte nicht mit ihr reden. Sie möchte nicht enden wie ihre junge Kollegin. Sie hat gehört, dass sie von einen Absturz in den nächsten springt. Würde Bärbel es denn anders gehen? Bärbel hat nur knapp zehn Unterrichtsstunden plus ihre Seminare, aber wie sähe es mit fünfundzwanzig Stunden aus? Bärbel lässt dieser Gedanke erschaudern. Sie schaut in den Abgrund. Ihr Puls sinkt. Sie möchte nicht Frau Wendorff folgen. Ihre Schulter ist geschwollen. Sie reißt den Mund auf und doch hört niemand sie schreien. Doch was daraus die Konsequenz ist, vermag Bärbel Weisshaupt nicht zu erkennen.

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