Der Treibsand des Hasses

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Bildherkunft: https://de.wikipedia.org/wiki/Treibsand

Einunddreißig Beiträge über die AfD später ist es an der Zeit Bilanz zu ziehen. Aus den verschiedensten Perspektiven wurde diese Partei beleuchtet. Doch nach der Wahl in Thüringen eröffnet sich eine ganz neue Dimension. Die AfD ist keine Protestpartei mehr. Mit dem Spitzenkandidaten Höcke erzielte ein juristisch geprüfter Faschist ein erschreckend gutes Wahlergebnis. Höcke ist nicht obwohl seiner Inhalte so erfolgreich, sondern eben wegen ihnen.

„Im 21. Jahrhundert trifft der lebensbejahende afrikanische Ausbreitungstyp auf den selbstverneinenden europäischen Platzhaltertyp.“ Damit verweist Höcke auf die Populationsökologie. Tatsächlich gibt es bei verschiedenen Lebewesen verschiedene Fortpflanzungsstrategien. Dabei haben sich im Tierreich grob skizziert zwei Strategien als besonders effektiv erwiesen: Klasse und Masse. Es gibt also Tierarten, welche viel Brutpflege betreiben und Tierarten, die möglichst viele Nachkommen zeugen. Höcke missbraucht vermutlich bewusst die Ökologie, welche üblicherweise zwischen Arten genutzt wird und nicht innerhalb. Höcke lehrt uns also Neue von der Rassenlehre.

Höcke spricht vom angeblich „bevorstehenden Volkstod durch den Bevölkerungsaustausch“. Damit aberkennt er die Fluchtursachen und bedient sich gleichzeitig einer Verschwörungstheorie. Dies widerspricht dem Humanismus und dem internationalen Asylrecht.

„Wir müssen unsere Männlichkeit wiederentdecken. Denn nur wenn wir unsere Männlichkeit wiederentdecken, werden wir mannhaft. Und nur wenn wir mannhaft werden, werden wir wehrhaft, und wir müssen wehrhaft werden, liebe Freunde!“ Auch hier offenbart Höcke uns einen Einblick in sein Weltbild. Wir sind verweiblicht und das scheint schlecht zu sein. Er führt in seinem Buch weiter aus:  Sie bestünden “zu zehn Prozent aus verkrampften Machos und zu achtzig Prozent aus Weicheiern” (S. 114), was an “fehlender Vaterprägung, kaum männlichen Vorbilder, weiblich dominierten Kitas und Schulen“ sowie „generell einer Antigewalt- und Antikörperlichkeitserziehung” sowie „Verzicht auf männlicher Initiation“ liege (S. 114). Es handelt sich also um ein klares sexistisches Bekenntnis zur Gewalt.

„Unsere einst kraftvolle Wirtschaft ist nur noch ein Wrack, neoliberal ausgezehrt. Unser einst beneideter, unser einst weltweit beneideter sozialer Friede ist durch den steigenden Missbrauch und die Aufgabe der national begrenzten Solidargemeinschaft sowie durch den Import fremder Völkerschaften und die zwangsläufigen Konflikte existenziell gefährdet.“ Damit bedient sich Höcke bewusst unserer niederen Instinkte. Er erweckt damit die Parolen zu leben, dass die Ausländer unser Geld nehmen. Er warnt vor einen nahenden Konflikt. Es wird die Angst vor Arbeitslosigkeit mit der diffusen Angst vor Ausländern gemischt. Dass die Ungleichheit seit der 90er Jahre deutlich gestiegen ist und die Reallohnentwicklung gerade in der Unterschicht eher rückläufig ist, wird nicht thematisiert. Stattdessen wird nur die eine Minderheit gegen die andere ausgespielt und die Kontexte werden entrissen.

„Eine wirkliche Demokratie ist Deutschland heute für mich nicht mehr. Deutschland ist für mich heute eine Maulkorb-Demokratie, die leider auf dem besten Weg ist, zu einer Wohlfühl-Diktatur zu werden.“  Wer nach Meinungsfreiheit kläfft, darf nicht beklagen, wenn seine Meinung eine Antwort hervorruft und andere zurück bellen. Wenn du angeschrien, ignorierst oder boykottiert wirst, dann nur, weil die Leute, die dir zugehört haben, die Meinung vertreten, dass du ein Arschloch bist. Gäbe es in Deutschland tatsächlich diesen Maulkorb, wieso wurde dieser dann Höcke noch nicht angelegt?

In seinem Buch stellt Höcke auch fest, dass „wir leider ein paar Volksteile verlieren werden, die zu schwach oder nicht willens sind“ mitzumachen.“ Er denke an einen „Aderlass“. Damit übertrifft er seine eigene Kritik. Statt seinen Widersachern nur Maulkörbe zu verpassen, werden einige Bevölkerungsteile verloren gehen. Mit „starkem Besen“ sollten eine „feste Hand“ und ein „Zuchtmeister“ den „Saustall ausmisten“. Sollen diese Schwächlinge wie Dreck durch die „feste Hand“ entsorgt werden? Er übertritt damit deutlich das Demokratieverständnis, welches auf Kompromisse basiert. Steckt hinter diesen Aussagen schon der Wunsch nach einem Führer oder einem Bürgerkrieg?

Dass die AfD den Thüringer Politiker gewähren lässt, zeigt offensichtlich wie weit sie selbst in dem undemokratischen Sumpf steckt. Leider zeigt es auch, dass Rassismus mittlerweile in weite Teile der Gesellschaft befürwortet wird. Eine Partei, die so menschenverachtend ist, kann nicht mehr als demokratisch angesehen werden. Ist unsere Demokratie stark genug den Treibsand des Hasses zu trotzen?

18 Kommentare zu „Der Treibsand des Hasses

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  1. Höcke hat einen Punkt, was die Sache mit der Männlichkeit betrifft.
    „Wir sind verweiblicht und das scheint schlecht zu sein.“ Das ist in der Tat schlecht, wenn man versucht, Männer zu Frauen umzuerziehen. Es schwingt in solchen Aussagen auch immer so ein Fünkchen Heuchelei mit, wenn man sich weiterhin auf die „harten Kerle“ von der Bundeswehr verlässt, um seine eigene Haut in Sicherheit wiegen zu können.
    Jordan Peterson hat das mit der Gewalt einmal gut auf den Punkt gebracht: Es ist nicht gut harmlos zu sein. Darin liegt keine Tugend. Ein guter Mann ist dazu fähig, gefährlich zu sein, aber hat sich willentlich unter Kontrolle. Daher ist auch Antikörperlichkeitserziehung schlecht.
    Darin Sexismus zu sehen, ist eine absolut weltfremde Plattitüde.

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    1. Ich finde es äußerst befremdlich rückständig Verhaltensweise einem Geschlecht zuzuweisen. Es gibt mittlerweile auch harte Kerle in der Bundeswehr und ebenfalls männliche Krankenpfleger. Wieso ist das jetzt problematisch?

      Und wieso ist ein männlicher Krankenpfleger dann ein schlechter Mann?

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      1. Der Punkt ist doch, dass es die „harten Kerle“, die sich für die Bundeswehr eignen irgendwann nicht mehr geben wird, wenn man die Linie weiterfährt. Und dann ist ‚Not am Mann‘ 😉
        Gegen männliche Krankenpfleger sagt doch niemand was. Über welche „rückständigen Verhaltensweisen“ sprechen Sie?

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          1. Das ist allenfalls eine Ansicht, keine Verhaltensweise.
            Mir scheint, ihr Menschenbild basiert nun einmal auf dem schärfsten Relativismus, der ein weltloses Subjekt vorstellt, dessen höchstes Gut die Willkürfreiheit ist. Allein, das ist sehr gefährlich und theoretisch auch nicht durchzuhalten. Wenn es um Erziehung geht, geben wir immer etwas ein, wir vermitteln Fähigkeiten, Normen, beeinflussen Wünsche, Sichtweisen. Wie kann man annehmen, dass das „was er sein will“ nicht auch wesentlich durch die Erziehung eines Menschen zustandegekommen ist? Und dabei kommt die Frage auf: welche Variabeln tragen zu einem guten Leben bei? Als Beispiel: ein Mensch kann faul sein wollen und wenn man ihn lässt, wird sich das negativ auf sein ganzes späteres Leben auswirken. Es gibt also so etwas wie Tugenden, d.i. nicht Moral in unserem gewöhnlichen Sinne, sondern solches wodurch ein Mensch seine wesentlichen Bedürfnisse, sein Potential und sein Zusammenspiel mit dem sozialen Gemeinwesen auf optimale Weise verwirklicht. Und da spielen die Unterschiede der Geschlechter wiederum eine wichtige Rolle. Das hat viel mit Psychologie und Kultur zu tun. Ganz einfaches Beispiel: Im Paarungsverhalten der Menschen sind Männer darauf angewiesen, sich zu trauen, Mut zu beweisen, indem von ihnen die ersten Schritte bei der Partnerfindung initiiert werden. Ein Mann, der diese Tugend, eine Art der Selbstbehauptung, durch die Erziehung nicht vermittelt bekommen hat, wird große Probleme in seiner späteren Lebensbewältigung bekommen.

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          2. Diese Verhaltensweisen sind eher kulturell bedingt und sind zu hinterfragen. Neurobiologisch gibt es wenig Erkenntnisse, die einen Unterschied rechtfertigen. Die Unterschiede innerhalb der Geschlechter sind viel größer als zwischen den Geschlechtern.

            Häufig identifizieren sich Menschen mit ihrem Geschlecht. Allerdings sind wir mehr als nur ein Ständer für unsere Genitalien.

            Und es gibt zudem auch Partnerbörsen, wo Frauen den ersten Schritt machen sollen. Zudem finde ich es überholt, dass einige Menschen meinen, dass Männer immer die Rechnung bezahlen müssen. Diese Vorstellung stammt aus einer Zeit als Frauen noch kein eigenes Geld hatten.

            https://haimart.wordpress.com/2019/06/11/vom-vatikan-verbitterte-schokolade/

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          3. Zum „differences within and between“ Argument:
            https://allesevolution.wordpress.com/2013/01/25/innerhalb-der-geschlechter-gibt-es-weit-grosere-unterschiede-als-zwischen-den-geschlechtern/
            tl;dr: Es ist kein gutes.

            Haben Sie überdies eine Studie parat, die belegt, dass die manifesten hormonellen und evolutionsbiologischen Unterschiede psychologisch irrelevant sind?

            Das Geschlecht gehört unter anderen wichtigen Faktoren zur Identität eines Individuums. Die ausschließliche Identifikation (die mir gerade in feministischen Kreisen verbreitet scheint) ist natürlich eine Vereinseitigung.

            Von welchen Partnerbörsen reden Sie? Mir ist keine solche bekannt. Welche Motivation haben Frauen sich gerade in einer solchen zu registrieren?
            Und weiter gefragt: ist das im großen Ganzen statistisch relevant und daher ein Faktor in der allgemeinen Lebenswirklichkeit?

            Was das Bezahlen angeht, stimme ich mit Ihnen vollkommen überein:
            https://dekadenzkritik.wordpress.com/2018/04/20/feminismus-wie-sexistisch-es-ist-wenn-der-mann-beim-date-bezahlt/

            Gefällt 1 Person

          4. Jeder Mensch hat Östrogen und Testeteron. Und jeder hat ein anderes Verhältnis. Zu den Geschlechtsunterschieden empfehle ich die PISA Studie. Da kann dies eben abgelesen werden.

            Interessant zum Thema Evolution und Psychologie empfehle ich das Psychologiebuch Myers.

            Ich verstehe das Fixieren auf die eigenen Genitalien sehr befremdlich. Ich bin weder Mann noch Frau. Ich bin ein Mensch. Ich identifiziere mich lieber mit Aspekten meiner Persönlichkeit, die ich mir ausgesucht habe.

            Dementsprechend suche ich mir auch meien Freunde aus. Solange ich keinen Sex mit ihnen haben will, sind mir ihre Genitalien ganz gleich.

            Also abgesehen von der sexuellen Präferenz finde ich es unerheblich was männlich und weiblich ist.

            Ich weiß jetzt leider nicht wie die Partnerbörse heißt. Mir hat nur ne Freundin mal davon erzählt. Es scheint eben Frauen zu geben, die auch Kontrolle haben wollen. Und für diese scheint es auch relevant zu sein, denn man ist mehr als nur ein Vektor in einer Matrix.

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          5. Auf das Maß kommt es bei Östrogen und Testosteron an. Frauen werden derzeit aus dem Leistungssport gedrängt, wegen Ansichten wie Ihren.
            Leider kann eine PISA Studie das von mir Geforderte nicht belegen, denn Leistungen in Schulfächern bilden ja wohl bloß einen sehr kleinen Teilbereich menschlicher Psychologie.

            Nun, ich befinde hingegen das Leugnen oder Ausblenden des eigenen Geschlechtes für befremdlich, ebenso einseitig. Meist ist das auch nur theoretische Haltung, während es praktisch dann ganz anders läuft. Unter Identität verstehe ich auch etwas tieferes, das unterbewusste Schichten betrifft.

            Da die von ihnen gemutmaßte Partnerbörse so unbekannt ist, wird das wohl keinen relevanten Faktor für mein Beispiel darstellen. Nach dem formalen Erstkontakt geht das ja auch weiter mit der Initiation ersten körperlichen Kontakts usw. Dass sich mit der gesellschaftlichen Gleichstellung der Frau nichts an diesen Unterschieden geändert hat, verweist meiner Ansicht nach auf tiefe Wurzeln in der Evolutionsbiologie.

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          6. Beim Körperbau sehe ich ja Unterschiede. Aber mir kommt es aufs Gehirn an. Und da sind die Unterschiede eben mininmal. Auch in Intelliugenztests gibt es keinen nennenwerten Unterschied. Jetzt das evolutionärbiologisch zu begründen finde ich gefährlich. Ich kann genau so gut sagen, dass weil Männer sich körperlich nur so gering unterscheiden im Vergleich zu bunten Vögeln, ist der Mensch eher monogarm. Und da sind die Verhaltensmuster sehr ähnlich.

            Nein. Ich leugne mein Geschlecht nicht. Ich meine nur, dass ich nicht mein Geschlecht bin, sondern ein Mensch. Und das ist weit mehr als nur meine Geschlechtsorgane.

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          7. Das ist eine große Debatte, aber der radikale Konstruktivismus (sprich: die sich zeigenden Unterschiede in Verhalten, Präferenz usw. seien alles bloß Kultur) ist eben keine haltbare Position darin.
            Dieser Artikel sieht die größten Unterschiede hormonell bedingt:
            https://www.geo.de/wissen/22301-rtkl-geschlechterforschung-wie-sich-frau-und-mann-unterscheiden-verblueffende
            „Der Hormonspiegel beeinflusst Eigenschaften, Verhaltensweisen und Persönlichkeitsmerkmale wie beispielsweise die Extraversion oder auch die mütterliche Fürsorge. Er entscheidet mit darüber, wie impulsiv ein Mensch handelt, wie viel Vertrauen er in andere und in sich selbst hat, wie er Gefühle empfindet und verarbeitet.“

            Ich verstehe die Logik dahinter nicht, zu sagen, „ich bin nicht mein Geschlecht, ist bin ein Mensch“. Dabei ist man einfach vom Besondern höher zum Allgemeinen gegangen. Genausogut könnte man sagen, „ich bin nicht meine Gattung (Mensch), ich bin ein Lebewesen.“ Man ist de facto immer beides, Besonderes und Allgemeines. Geschlecht ist auch nicht auf Geschlechtsorgane reduzierbar, genau genommen ist jede Zelle eines Körpers männlich oder weiblich.

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          8. Ja, aber auch beim Hornomspiegel gibt es eben mehr als nur die beiden Polaritäten männlich oder weiblich. Und gerade bei den Homosexuellen zeigt sich, dass sie eben eher wie das andere Geschlecht reagieren. Und trotzdem sind Lesben Frauen und Schwule Männer.

            Ich möchte mich einfach nicht in die Kategorien einteilen lassen.

            Was genau bringt es dir zu sagen, dass Frauen tendenziell kleiner sind? Es gibt ebenm trotzdem große Frauen und kleine Männer. Was sollen die Tendenzen, wenn man selbst nur eine Stichprobe aus der einen oder anderen Gaußschen Kurve ist?

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  2. Hmm,
    das Parteiprogramm der „blauen Alternative“ ist nahezu eins-zu-eins bei dem der CDU von 2002 (?) per Cpoy&Paste (;-) übernommen worden.
    Man könnt sich fast schon mit dem Spruch anfreunden: „Alles Nazis außer Mutti!“
    Doch was ist bloß die „Tiefenwirkung“ eines solchen Spruches???

    Gruß vom närrischen Alt-Revoluzzer,
    Raffa.

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  3. Als alter Sozi mit ehedem Parteibuch und kommunalem Amt sehe ich,
    mit dem Blickwinkel der „alten Schule“
    die Faschisten eher bei den „Grünen“ und bei der „Antifa“.

    Man muß nur deren Verhalten und deren Hang zum Zwang anschauen
    und das Ganze noch aufgebaut auf heißer Luft
    und permanenten Widersprüchen zwischen Anspruch, Parteiprogramm, gar Ideologie
    und eben dem, was sie aktuell abliefern.

    Verweise nochmal auf das Zitat von Ignazio Silone, ganz gleich, wie und wo, durch wen es kolportiert wurde …

    Alles Liebe,
    Raffa.

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