Rumpf schlägt leck

leuchtturm
Bild von _freakwave_ auf Pixabay

Es ist Samstag. Endlich Wochenende. Die erste Woche nach den Ferien war schwierig für mich. Ich hatte mit dem täglichen Aufstehen zu kämpfen und dann am Freitag noch mit Kamran und schließlich mit meinem Gewissen.

Kamran ist ein in der Schule berüchtigter Schüler. Er hatte nicht nur eine Lehrerin bereits gebissen oder einen anderen Kollegen mit Brotkrümel beworfen oder versucht den Schulleiter zu verprügeln, er hatte auch bereits bei unserer ersten Begegnung die Nerven gekostet. Nun gingen wir in die zweite Runde und diesmal war ich nicht so konzentriert wie letztes Mal. Kamran war wieder suspendiert, sodass ich den Vorfall erst einmal wieder vergessen hatte und wieder meiner Hauptaufgabe mich widmen wollte. Ich wollte für die Klasse eine spannende Stunde zum Thema Essensstörungen vorbereiten und damit einen kleinen Baustein zur Gesundheitserziehung meiner Schützlinge legen. Von meinen Kollegen angeregt hatte ich mich entschlossen arbeitsteilig zu arbeiten. Ich hatte mich entschieden, dass die Schüler danach unter einander ihre Ergebnisse präsentieren würden.

Leider hatte ich nicht bedacht, dass die Klassenlehrerin die Sitzordnung geändert hatte. Da ich die Klasse bereits sei Februar dieses Jahres unterrichte, kenne ich meine Schüler, sodass mir der Sitzplan der Schüler wenig interessierte. Was sich als folgenschwerer Fehler erweisen sollte. Kamran und Jonas haben sich in die Nähe von Moritz gesetzt. Mir war sofort klar, dass dies nicht Teil der neuen Sitzordnung sein kann. Ich forderte sie auf sich wieder auf ihren richtigen Platz zu setzen. Allerdings beharrten Moritz, Kamran und Jonas, dass sie auf ihren Plätzen säßen. Schnell wurde mir bewusst, dass ich diesen Kampf nicht gewinnen konnte. Also forderte ich sie, wenn sie dasitzen wollen würden, dass sie wenigstens still sein sollten und das Arbeitsblatt bearbeiten sollten. Das ging auch nicht lange gut, da Kamran viel mehr Interesse daran empfunden hatte seine Plastikflasche zu werfen und eher weniger gut zu fangen. Ich hatte ihn mehrmals aufgefordert mich anzusehen, aber er fand es interessanter weiter mit seiner Flasche zu spielen. Als ich sie ihm weggenommen hatte und auf mein Lehrerpult gestellt hatte, stand er einfach auf und hatte sie sich wiedergeholt. Das Ganze war so laut, dass die Schüler natürlich bei ihrer Arbeit gehemmt wurden.

Es war 10 Minuten vor Unterrichtsschluss und ich konnte ihn jetzt nicht mehr in den Reflexionsraum schicken. Es fühle sich alles so an wie in einem Alptraum. Du siehst, dass die gesamte Planung in sich zusammenstürzt, aber du bist erstarrt vor Entsetzen.

Ein Schüler meinte zu mir, dass dies nicht so weiter gehen könnte und dass er das Klassenrat ansprechen werde. Ich bestätigte dies und freue mich jetzt schon auf das Gespräch mit der Klassenlehrerin. Ich hätte mir früher Hilfe holen müssen. Ich muss meine Schüler schützen. Aber eigentlich hatte ich ein schlechtes Gewissen, dass sie von mir nicht wirklich etwas lernen, weil ich viel zu beschäftigt bin diese Problemschüler zu bändigen. Ich muss kämpfen, obwohl ich doch eigentlich nur Humanistin bin. Ich möchte den Schüler ein Anker sein, wenn zu Hause kein sicherer Hafen ist.

Und dann denke ich mir was soll das alles? Ich kämpfe an eine Front, wo ich gar nicht kämpfen wollte. Ich habe meine Heimat verlassen, fühle mich entwurzelt, um das zweite Staatsexamen als Trophäe mit nach Hause zu nehmen, es mir an die Wand zu hängen und die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Und das obwohl ich schon innerlich zerfressen bin, ob ich wirklich ein Zahnrad in dem Getriebe unserer menschverachtenden Gesellschaft sein will. Kann ich bei all dem das Referendariat schaffen? Kann ich nach dem Referendariat wirklich so etwas tagtäglich überstehen? In der einen Klasse werde ich zu Restmüll und in der anderen Klasse zerlegt ein einzelner Schüler meinen Unterricht so heftig, dass das Ziel langsam vernebelt. Ich kann das Leuchtfeuer in der ferne noch sehen, aber mein Rumpf schlägt leck. Das Barometer fällt auf 35% Willkommen im Haifischbecken, willkommen in der Welt von Bärbel Weisshaupt.

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