#Sinn aus der Arbeit ziehen

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Bild von www_slon_pics auf Pixabay

Wer regelmäßig Haimart liest, weiß, dass hier häufig die Frage nach dem Sinn gestellt wird. Auch wenn es verführerisch ist mit Zweiundvierzig zu antworten, hilft das der Motivation oder Resilienz nicht. Vermutlich ein jeder kennt es, dass nach großen Bemühungen die Arbeit nicht genügend wertgeschätzt wird. Hierbei geht es nicht um die geldliche Entlohnung, sondern um ideelle Entlohnung. Wie wir bereits gelernt haben, leben wir in zwei Welten, ohne dass wir uns darüber explizit Gedanken machen. Die eine ist die Soziale, wo Geld nur eine unbedeutende Rolle spielt und die andere ist die Marktwirtschaftliche.

Besonders interessant wird das Ganze, wenn die Grenzen verschwimmen. Wie würde es dir gefallen, wenn du au der Arbeit einen Plan entwickeln sollst. Du bist höchst motiviert, weil du überzeugt von dem Projekt bist. Nach dem du deine Arbeit abgeschlossen hast, sagt dir der Chef, dass sich die Pläne geändert haben und dass dein Plan zwar ganz hervorragend ausgearbeitet ist, aber dass sich die Pläne deines Unternehmens geändert haben. Die ganze hervorragende Arbeit ist also für den Papierkorb. Zwar wurdest du dafür bezahlt, da es ja schließlich die Arbeitszeit war, doch der Sinn hinter deiner Arbeit bleibt aus. Wie würdest du dich fühlen?

Ariely untersuchte, wie sich die Leistung seiner Probanden entwickeln würde, wenn sie erkennen würden, dass ihre Aufgaben absolut überflüssig sind? Dazu führte er mit seinen Kollegen Kamenica und Prelec zwei Studien durch. In der ersten Studie sollten die Probanden eine Legofigur nachbauen. Für die erste Figur wurden sie mit 2$ bezahlt. Für jede weitere Figur erhielten sie 11 Cent weniger. Der einzige Unterschied war der, dass die Probanden der Gruppe Anerkennung nicht mit ansehen mussten, wie der Versuchsleiter die Figuren auseinander bauen würde. Die Gruppe Sisyphus musste während des Zusammenbauens weiterer Figuren mitansehen, wie die alten Figuren wieder demontiert wurden. Danach wurden die Bestandteile wieder dem Probanden gegeben. Der Teilnehmer der Gruppe Sisyphus bekam also nur zwei Figuren zu sehen, während die Teilnehmer der Gruppe Anerkennung einen Blick auf ihre errichteten Figuren werfen konnten. Wie würde sich bei der identischen Bezahlung die Bereitschaft ändern weitere Figuren herzustellen?

Die Probanden der Gruppe Sinn baute durchschnittlich 10,6 Figuren und verdiente damit 14,40$. Die Teilnehmer der Sisyphus-Gruppe baute durchschnittlich nur 7,2 Figuren zusammen und verdiente damit 11,52$. Das sind 32% weniger.

In der zweiten Studie sollten Probanden eine Buchstabenkombination in einem Suchsel suchen. In jedem Suchsel waren 10 dieser Kombination enthalten. Sie wurden mit 50 Cent für die erste Seite bezahlt. Jede weitere Seite wurde mit jeweils 5 Cent weniger bezahlt. Zudem gab es ein Grundgehalt von 5$. Es gab drei Versuchsgruppen. Bei der ersten Gruppe (A) nickte zustimmend der Versuchsleiter nach beim Einreichen der Aufgabenzettel und bot ein zweites an. Zudem sollten die Teilnehmer ihren Namen auf das Blatt schreiben. In der zweiten Gruppe (V) wurden die Arbeitsblätter unmittelbar in einen Aktenvernichter gegeben. Danach konnten sie weitere Blätter bearbeiten. In der letzten Gruppe (I) erhielten die Teilnehmer weitere Zettel ohne zustimmendes Nicken des Versuchsleiters. Doch die erledigten Aufgabenzettel wurden auch nicht vernichtet. Besonders interessant ist die dritte Gruppe. Würde die ignorierte Gruppe sich eher wie die Gruppe Anerkennung oder wie die Gruppe Sisyphus verhalten?

Durchschnittlich lösten die Gruppe mit der zustimmenden Anerkennung (A) 9,03 Zettel, die Gruppe mit dem Aktenvernichter (V) 6,34 Zettel. Die Probanden der Ignorierungsgruppe (I) lösten durchschnittlich 6,77 und war damit deutlich näher an der Gruppe mit offensichtlichen Arbeitsentwertung.

Für mich als Lehrerin bedeuten diese Ergebnisse, dass ich den Schülern mehr wertschätzende Rückmeldungen geben muss. Natürlich können nicht alle Schüler ihre Ergebnisse präsentieren, aber ich ermögliche den Schülern stets, dass sie ihre Ergebnisse abgeben. Danach nehme ich mir die Zeit ihnen schriftlich Rückmeldung zu geben. Bei all dem Bemühen muss ich allerdings aufpassen, dass auch ich mich nicht überarbeite. Daher habe ich eine Begrenzung für das Einsammeln von Schülerergebnissen.

Aber auch gesamtgesellschaftlich sind diese Ergebnisse von elementarer Bedeutung. Unsere Arbeit muss neben einer Bezahlung auch eine soziale Anerkennung beinhalten. Wie würdest du dich fühlen, wenn du Texte verfassen sollst, welche ich ungelesen wieder löschen würde, wobei du pro Seitenzahl bezahlt wirst. Natürlich könntest du schummeln und nur Nonsens aufschreiben, aber die Studien von Ariely und Kollegen zeigen eindrucksvoll, dass die Probanden diese Möglichkeit nicht genutzt haben. Sie fühlten sich eher frustriert. Stellen wir uns vor, dass du täglich so eine Arbeit vollbringen müsstest, wie motiviert wirst du noch zu arbeiten, auch bei guter Bezahlung?

Psychologisch wird dieser Vorgang als Ausgelangweilt-Sein bezeichnet. Es handelt sich hierbei um einen Zustand permanenter Unterforderung durch permanente Unterforderung, wobei diese Unterforderung ebenfalls zum Ausbrennen führen kann.

Was meinst du? Ergibt deine Arbeit Sinn? Ist in ihr mehr Sinn als nur täglich Brot zu verdienen? Woher nimmst du die die Anerkennung oder sind bei dir die soziale und marktwirtschaftliche Welt voneinander getrennt? Bereitet dir deine Arbeit Freude? Oder genügt es beruflich nur in der einen von beiden zu leben?

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