Zerriebene Zahnräder

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Bild von Enrique Meseguer auf Pixabay

Marktradikale behaupten stets, dass der Markt alles regele. Ihr Modell des freien Marktes klingt zunächst auch einmal logisch. Doch leider agieren wir nicht immer logisch. Studien konnten zeigen, dass die letzten beiden Ziffern der Sozialversicherungsnummer einen Einfluss auf die Bereitschaft zur Bezahlung eines Preises haben.

Auch das Beispiel vom Perlenkönig Salvador Assael zeigte wie leicht sich Preise manipulieren ließen. Begonnen hatte er sein Geschäft mit gewöhnlichen weißen Perlen. Dann kam er durch einen Zufall auf die Idee, auch schwarze Perlen zu verkaufen. Doch es gab keinen Markt dafür: Er blieb auf den Perlen sitzen. Ein Jahr später suchte er besonders schöne Perlen aus und ließ sie mit einem übertrieben hohen Preis bewerben. Und tatsächlich: Danach lief das Geschäft.

Diese Reisen in das irrationale rütteln kräftig an unseren Märchen vom freien Markt. Wenn der Markt wie eine Evolution zu sehen sei. Das Modell klingt einleuchtend: Gute Produkte würden schlechte vom Markt verdrängen. Die Triebfedern für die Evolution wären der Geiz der Kunden und die Gier der Konzerne, welche sich dann auf einen Preis einigen würden. Dass dieses Modell den Menschen allein auf seinen Verstand und seine Gewinnmaximierung reduziert ist die Ursache für viele Folgefehler, welche Haimart schon mehrmals aufdeckte. Nicht immer bestimmt der Preis die Nachfrage. Bei unelastischen Gütern kann der Preis steigen ohne, dass die Nachfrage deutlich sinkt.  Ich muss wohnen, da ist der Preis fast unerheblich. In Berlin sind in den letzten sieben Jahren die Mieten um 71% gestiegen, dass sich nur 1 % der Wohnungen im S-Bahn-Ring von Einzelhaushalten finanziert werden können.

Auch ich selbst habe in meinem Durchschreiten in unserem Bildungssystem meine eigenen Schranken gespürt. So gern wäre ich Wissenschaftlerin geworden und doch hatte es nur gereicht halb frustriert und halb voller Ideale zur Lehrerin. Von 100 Kindern, deren Eltern nicht studiert haben, gehen 21 an eine Hochschule, schaffen 15 einen Bachelor, machen acht den Master, und nur einer promoviert. Von 100 Kindern mit mindestens einem Elter mit Hochschulabschluss gehen 74 zur Hochschule, schaffen 63 den Bachelor und 45 den Master. Es promovieren zehn. Ich möchte dazu beitragen, dass unsere Gesellschaft gerechter wird und doch fühle ich mich wie eine Verräterin. Ich fliehe in den Staatsdienst, obwohl ich lieber Barrikaden errichten sollte. Ich habe Angst. Unsere Demokratie wird Stück für Stück abgebaut. Mittlerweile können wir Schafe nur noch die Farbe der Schürze des Hirten wählen. Und die Parteien stützen das System. Die Schere zwischen arm und reich droht seit Jahrzehnten auseinander zu reißen. Doch das interessiert uns nicht. Wir arbeiten weiter und hinterfragen nicht, dass die Parteien dieses System nicht hinterfragen. Wir arbeiten einfach weiter.

Wir arbeiten weiter bis wir ausbrennen. Inzwischen sind sechs von zehn Deutschen vor dem Ausbrennen bedroht. In einer Umfrage der pronova BKK klagten mehr als die Hälfte der Bundesbürger zumindest über gelegentliche Symptome des Ausbrennens. Dazu gehören anhaltende Erschöpfung, innere Anspannung, Rückenschmerzen, Gereiztheit und Schlafstörungen. Über ihre Arbeit grübeln 54% und 53% der Befragten schlafe nach eigenen Angaben schlecht. Und ich? Ich verrate die Revolution und rede mir ein, dass ich als Lehrerin in diesem Getriebe etwas bessern kann. Doch das Getriebe zerreibt seine Zahnräder. Die Revolution frisst seine Kinder. Und ich bin eins von ihnen. Ich war Dozentin an einer Volkshochschule und habe aus Angst vor Hartz IV mich auf gemacht wieder Lehrerin zu werden. Dadurch dass ich Lehrerin werden möchte, bilde ich für dieses ausbeuterische System aus, welches ich ablehne. Innerlich zerreißt es mich. Tue ich das richtige? Verkaufe ich nicht etwa meine Ideale, während ich mir einrede, dass ich eben für diese einstehe? Bin ich vielleicht nur getrieben von meiner Angst und dem Prestige des Beamtenstatus?

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