Provokant in den Unterricht

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Bild von Stefan Keller auf Pixabay

Nachdem ich gestern schon kurzzeitig den Gedanken hatte, dass mich mein Chemiekurs durchs Referendariat trägt und es nicht so schlimm sein würde, wenn ich meine Biologieprüfung mit nur mangelhaft abschließen würde im Examen, solange die Chemiestunde nur mit befriedigend abgeschlossen wird, hatte ich heute eine Überraschung.

Nach dem ich beschlossen hatte mir gerade die Phase des Unterrichtseinstiegs näher zu betrachten, hatte ausgerechnet mein Ausbilder in Chemie das zum Seminarthema erhoben. So hatte ich heute die zwei Dimensionen des Unterrichtseinstieg nach Meyer kennengelernt. Die erste Dimension ist die Stärke der Lehrerlenkung, die andere welche Aktionsform vorliegt. Mögliche Aktionsformen sind verbal, visuell oder spielerisch. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass meine Unterrichtseinstiege bisher eher verkopft waren. Ich hatte mich bisher an das orientiert, wie ich selbst unterrichtet wurde. Ich habe meistens ein Bild oder einen kurzen Text den Schülern serviert oder klassisch mit der Besprechung der Hausaufgabe angefangen. Dabei hatte ich vollkommen die Möglichkeiten übersehen, welche mir die anderen Einstiege bieten.

Neben dem Planspiel, Rollenspiel oder dem Standbild kann auch mit dem provozieren, den verfremden, das Erzeugen eines kognitiven Konflikts oder verrätseln begonnen werden. Diese Spielchen sind zwar auch sehr lehrergelenkt, aber bieten Abwechslung. Manchmal hatte ich schon versucht in den Köpfen der Schüler kognitive Konflikte zu erzeugen. Dabei hatte ich aber nicht bedacht, dass dieses Vorgehen äußerst schwierig ist. Die Schüler brauchen das passende Vorwissen, damit sie den Widerspruch als solchen erkennen. Dabei ist dieser Widerspruch nur ein Scheinwiderspruch, da das bisherige Wissen nicht reicht, um die aktuelle Problematik zu erklären. Zudem müssen die Schüler lernen ihr Wissen anzuwenden. Intuitiv habe ich manchmal in der Ergebnissicherung verfremdet, in dem ich besonders für die komplexe Phänomene Analogien gebildet habe. Die Möglichkeit ein Rätsel zum Knobeln zu inszenieren, hatte ich bereits bedacht, aber bisher nicht umgesetzt.

Den Einstieg über eine provokante Aussage zu beginnen, hatte ich noch nie in Betracht gezogen, habe es aber gleich heute in meinen Genetik-Kurs ausprobiert. So schrieb ich an die Tafel die Aussagen: „Dass ich mich klone, ist ganz alleine meine Entscheidung, da es meine Gene sind und ich kann damit machen, was ich will.“ Zu meiner Verwunderung stimmten die meisten Schüler zu, aber sie wollten sich beteiligen. Ein Schüler wendete ein, dass seine Gene ja auch nur die Gene seiner Eltern seien. Schnell lenkte ich zur nächsten Phase über, dass wir uns heute das genauer unter ethischen Aspekten betrachten werden. Dazu hatte ich den Schüler eine Methodikkarte gegeben, wie sie zu einem ethischen Urteil kommen.

Wir redeten über drei Szenarien, was wir mit den Klonen machen könnten. Wir könnten den Klon als unser persönliches Ersatzteillager betrachten. Möglich wäre auch eine Sicherheitskopie, um im Falle eines zu frühen Todes unseres Kindes es wiederherzustellen. Möglich wäre auch für Menschen mit einer Erbkrankheit sich ein genetisch gesundes Wunschkind aussuchen könnten. Während die letzten zwei Szenarien die Schüler nicht groß schockte, verstanden sie das erste Szenario nicht. Sie dachten, dass wenn das Original krank werde, dann werde auch gleichzeitig der Klon krank. Ich klärte sie auf, dass Krankheiten auch ein Zeichen von einem schlechten Lebensstil sein könnte, wenn jemand zu viel Alkohol trinke, dann würde die Leber irgendwann kollabieren und dann müsste der Klon seine Leber geben. Darauf fragten sie, wie es denn wäre mit einer Alterskrankheit wie dem grauen Star. Klon und Original würden dann beide schlechte Augen entwickeln. Ich erwiderte, dass die beiden Klone ja nicht gleich alt sein müssten. Wenn du mit 70 Jahren vielleicht den grauen Star entwickelst, kann ja deine zwanzigjährige Sicherheitskopie noch gute Augen haben, welche er dann abgeben müsste. Während einige Schüler das für in Ordnung hielten, schreien einige Schüler auf, dass solche Gedanken doch unmenschlich wären. Ich freute mich. Endlich hatte ich sie berührt. Ich sagte, dass wir das später gern ausdiskutieren könnten, aber sie sollten erst einmal ihre eigene Meinung zu einem der Szenarien verfassen. Denkbar wäre auch ein Urteil aus der Perspektive des Klons. Der Unterricht hatte mir heute sehr viel Spaß bereitet und ich werde weiter an meinen Einstiegen arbeiten, weil dann auch die Schüler wohl mehr bereit sind zu arbeiten. Mein Barometer steigt auf den Höchstwert 93%.

Als Ausklang für den so erfolgreichen Tag war ich mit meinen Nachbarn grillen. Langsam webe ich mein soziales Netz in der Großstadt und ich fühle mich nicht mehr so allein. In den letzten Wochen war ich auch begeistern von meinem Chemiekurs, dass ständig mein Barometer stieg und ich jetzt besonnen in die Zukunft blicke. Und auch meine Mitreferendare merken das. Ich führe bessere Gespräche mit ihnen und habe mehr Spaß mit ihnen vor und nach dem Seminar und in den Pausen. Ich scheine endlich in der Großstadt angekommen zu sein.

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