Zwischen zwei Welten

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Bild von Sasin Tipchai auf Pixabay

Stell dir mal vor, dass du seit einigen Wochen deinen neuen Schwarm triffst. Beim ersten Treffen wart ihr einen schönen Eisbecher schlemmen, beim zweiten Treffen wart ihr zusammen im Kino und just in diesem Moment seid ihr essen in einem edlen Sushi-Restaurant. Du hältst die Speisekarte in der Hand und überlegst dir, was du speisen möchtest. Wie würdest du reagieren, wenn dein Schwarm dir vorrechnet, wie viel Geld das Alles schon gekostet hat. Der Sex bleibt wohl aus, und alles wäre alles viel einfacher gewesen, wenn du direkt ins Rotlichtmilieu gegangen wärst. Andersherum wird eine Prostituierte nicht auf ewige Liebe warten.

Wir leben permanent in zwei Welten, ohne dass wir uns darüber explizit Gedanken machen. Die eine ist die Soziale, wo Geld nur eine unbedeutende Rolle spielt und die andere ist die Marktwirtschaftliche. Wissenschaftler haben untersucht, wie sich die Motivation auf Bezahlung auswirkt. Durch einen Rechner gesteuert sollten Teilnehmer einen Kreis über ein Quadrat ziehen. Dazu sollten sie in fünf Minuten möglichst viele Quadrate einfangen. Die Anzahl der eingefangenen Quadrate soll in diesem Experiment das Maß für die Anstrengung sein. Die Versuchsteilnehmer wurden in drei Gruppen aufgeteilt. Gruppe 1 bekam 5€ für die 5 Minuten bezahlt. Gruppe 2 wurde mit 30 Cent bezahlt. Und die dritte Gruppe sollte die Aufgabe unbezahlt tun. Die Gruppen 2 und 3 bekamen noch zusätzlich eine Führung durch das Labor. Und was meinst du? Welche Gruppe wird am besten und welche am schlechtesten abschneiden? Gruppe 3 war leicht vorne im Vergleich zu Gruppe 1. Aber Gruppe 2 hatte deutlich schlechtere Leistungen erzielt. Wie würde sich das Ergebnis ändern, wenn die Teilnehmer kleine Geschenke im Wert des Geldes bekämen? Die Leistung der Teilnehmer war in allen drei Gruppen ähnlich. Wird den Teilnehmern hingegen gesagt, welchen Wert die Geschenke hätten, wiederholten sich die Ergebnisse aus dem ersten Durchlauf.

Dieses im Labor isolierte Verhalten findet sich auch in der Realität wieder. In einem Kindergarten wurde untersucht, in wie weit ich das Einführen von Bußgeld auswirkt, wenn die Eltern ihre Kinder verspätet abholen. Nach Einführen des Bußgeldes wurden die Verspätungen mehr. Die Scham zu spät zu kommen wurde durch den Ablass scheinbar ausradiert. Nachdem das Bußgeld wieder abgeschafft wurde, nahmen die Verspätungen noch mehr zu. Die Eltern sahen es als ihr Recht an sich freizukaufen. Offensichtlich war durch die vorige Einführung des Bußgeldes die soziale Welt zerstört und nach Ausbleiben der marktwirtschaftlichen Kontrolle fehlte, waren die Eltern aus beiden Welten geworfen und sie fühlten sich weder sozial noch marktwirtschaftlich verpflichtet ihre Kinder pünktlich abzuholen.

Besonders interessant sind die Beobachtungen, welche in einer anderen Studie gemacht wurden. Teilnehmer sollten Satzfetzen zu ganzen Sätzen umwandeln. In Gruppe 1 wurden neutrale Satzfetzen vorgegeben. In Gruppe 2 ging es in den Sätzen um Geld und Gehalt. Schon die reine Erwähnung von Geld korrumpierte die Teilnehmer. Nach der Aufgabe wurden sie aufgefordert ein unlösbares Rätsel zu lösen. Der Versuchsteilleiter verließ den Raum mit dem Hinweis, dass er helfen könnte, wenn sie nicht weiterkämen. Was erwartest du? Gruppe 1 fragte durchschnittlich etwa drei Minuten um Hilfe, während die Geldgruppe etwa fünf Minuten puzzelte. Wenn es um Geld geht, überstülpt scheinbar die marktwirtschaftliche Welt die soziale. Im weiten Verlauf fiel ausversehen einem weiteren für den Probanden nicht sichtbaren Versuchsleiter eine Packung mit Stiften hinunter. Und auch hier waren die Teilnehmer mit den Geldsätzen weniger bereit zu helfen.

Was bedeutet das Ganze für mich? Die Anwesenheit von Geld scheint uns aus der sozialen Welt zu vertreiben. Diese Vertreibung bleibt selbst bestehen, wenn die marktwirtschaftlichen Kräfte ausbleiben. Mich erinnert das ganze an einem Freund. Er wollte, dass ich ihm bei einem Umzug durch halb Deutschland helfen würde. Das Problem war, dass er sich bisher sich sehr erfolgreich gewehrt hatte den Führerschein zu machen. Und jetzt brauchte er unbedingt noch eine Fahrerin. Er würde mich auch dafür bezahlten und nannte mir eine dreistellige Summe. Als ich erbost war, wunderte er sich. Ob die Summe zu niedrig sei, wollte er wissen. Ich erklärte ihm, dass in meinem Ideal Geld nicht so eine große Rolle spiele und, dass ich Freunden gerne helfe, wenn ich helfen kann. Daraufhin bezahlte er nach dem Umzug eine Reihe von teuren Bieren, die ich gern trinke. Das nahm ich dankend an. Marktwirtschaftlich habe ich total irrsinnig gehandelt. Von den paar Hundert Euro hätte ich mir viel mehr Bier kaufen können. Ich hätte mir auch eine Karte für das legendäre Wacken kaufen können. Aber das wollte ich nicht. Ich wollte ihm helfen. Auch wenn ich eine sehr sensible Persönlichkeit bin, nahm ich es ihm nicht übel. Wir sind immer noch sehr gut befreundet. Er sagt mir ständig wie dankbar er doch sei, und ich erwiderte ihm, dass ich ihn vielleicht mal in einer ähnlich dringenden Situation brauchen könnte. Und dann würde ich auf ihn zurückkommen. Und dann werde er mir helfen und das ist mehr wert als ein paar Hundert Euro.

Was bedeutet das ganze gesamtgesellschaftlich? Was würde wohl passieren, wenn wir den sozialen Berufen mehr Geld zahlen würden? Würden sich dann mehr Menschen dafür bereit erklären? Ich persönlich, als Lehrerin, würde mich als Hure vorkommen, die plötzlich mehr Geld hat. Ich mache meinen Beruf mit Ausnahme von einigen Schwierigkeiten gern, weil ich überzeugt bin, dass diese Aufgabe eine wichtige ist und sie ist moralisch einwandfrei. Zudem beschäftige ich mich gern mit meinen Fächern und den damit verbundenen Themen. Wenn du mich fragst, was ich mir wünschen würde, um meine Arbeitssituation zu verbessern, dann ist es mehr Wertschätzung auf Seiten der Schüler, der Eltern und der Gesellschaft. Ob ich ein paar Euro mehr oder weniger habe, darauf kommt es mir nicht an. Nett wäre auch eine Arbeitszeitverkürzung.

Generell würde ich sagen, dass wir Geld eine zu große Bedeutung beimessen und anscheinend korrumpiert uns schon die Erwähnung. Auch mit meinen Theoriewissen aus dem Studium ist dies deckungsgleich. Wenn wir intrinsisch motiviert sind, dann ist die Handlung schon Belohnung genug. Wenn wir jedoch dafür bezahlt werden, verliert das vorige Motiv an Bedeutung und unsere Motivation wird extrinsisch. Wenn dann die Belohnung aufhört, dann zeigen wir nicht mehr das erwünschte Verhalten. Daher empfehle ich allen Eltern da draußen das Kind für gute Noten auf keinen Fall mit Geld zu belohnen. Ihr entreißt das Kind aus der sozialen Welt und habt ihr euch schon einmal überlegt wie anstrengend es sein kann gute Noten zu bekommen? Und wie hoch müsste die Belohnung sein, damit es einen angemessenen Stundenlohn ergibt? Denkt daran, dass die Belohnung auch an Reiz verlieren könnte, wenn die materiellen Wünsche erfüllt sind oder wenn das Fach zu anstrengend wird und man sich lieber anders Geld verdienen könnte. Das Fach ist nicht mehr im Fokus, sondern die ausstehende Belohnung und die Freude die Rätsel zu lösen wird durch die korrumpierte Motivation erstickt.

9 Kommentare zu „Zwischen zwei Welten

Gib deinen ab

  1. Das Ganze bedeutet schlicht und ergreifend, dass Frauen, weil sie viel zu sozial sind („ich helfe gerne“), immer die schlecht Bezahlten sind, die immer noch schrubben, während die Jungs schon längst im Biergarten „netzwerken“😊Damit muss Schluss sein! Ich helfe auch gerne, aber ’s kostet nun mal was!

    Gefällt 1 Person

    1. Wäre tatsächlich mal interessant, ob Frauen bei den Experimenten anders reagieren als Männer. Werde mal nachhschauen, ob ich noch die Originalquelle finde.

      Was ich allerdings sehr interessant fand, dass schon die reine Erwähnung von Geld uns unsozialer macht.

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          1. Stimmt, allerdings führt der Vergleich, dazu, dass keiner der sein will mit dem kleinsten Gehalt. So entstehen gerade bei den Managern immer neue Gehaltsexzesse. Gerade unter Beschäftigten die das Gleiche machen, wird ein Vergleich schwierig. Keiner will am Ende der Unterbezahlte und damit der Doofe sein.

            https://haimart.wordpress.com/2019/07/25/rationale-fehlentscheidungen
            Ich glaube, was helfen würde ist wenn wir weniger kapitalistisch denken würden, wie das zu erreichen ist, vermag ich nicht sagen.

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