Im Spiegel ein leeres Gesicht

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Dieses Wochenende war ich bei alten Studienfreunden zu Besuch bei einem Spieleabend. Auch wenn es sich es fast wie früher angefühlt hat, hatte mich der Besuch etwas aufgewühlt. Zu meiner Studienzeit waren wir auf einem Level. Wir hatten ähnliche Wünsche und Bedürfnisse. Heute sind sie Eltern eines zweijährigen Kindes. Wir haben viel über früher geredet und meine vorletzte Beziehung. Er meinte, was bei uns falsch gelaufen sei. Komisch war es nur, dass er mir das nicht gesagt hatte, als ich ihn damals um Rat gefragt hatte. Im Alter wird man womöglich weiser.

Was mir als Humanistin doch am Meisten weh getan hatte, waren die konservativen Einstellungen meiner Freunde. Während des Studiums hatte sie stets Noten im sehr guten Bereich geschrieben. Sie hatte das Studium sogar mit einem Doktor abgeschlossen. Trotzdem lehnt sie es ab zu arbeiten, weil sie sonst so viel bei ihrem Kind verpassen würde. Sie mache lieber den Haushalt und kümmert sich um das Kind. Es sei ein Schalter bei ihr umgelegt worden. Es seien Muttergefühle, die jetzt ihren Spross um jeden Preis schützen wollen. Gleichzeitig spricht er zu seiner Frau aber wie zu einem Dienstmädchen. Ich hatte schon überlegt etwas zu sagen. Ich habe es dann aber doch nicht gemacht. Sie wohnen 3 Stunden entfernt von mir. Was sollte ich schon bewirken können? Sie scheint ja so glücklich zu sein. Für die Zukunft wünsche sie sich nur, dass die Familie glücklich wird und dass ihr Gatte keinen schlechten Chef bekommt, weil das wäre schlecht.

Dann sprachen wir über Frauenrechte. Er meinte, dass es doch legitim sei, dass Frauen weniger Geld bekommen und dass sie seltener Führungspositionen besetzen, da sie wegen der Periode einige Tage im Monat schlechtere Leistungen vollbrächten. Zudem seien sie öfter krank, weil sie sich um die Kinder kümmern müsste. Da habe ich dann kontra gegeben. Dem persönlichen Glück von Freunden möchte ich nicht im Wege stehen. Aber ich bin allergisch gegen Ungerechtigkeiten. Schließlich hatte er abrupt das Thema beendet und mich daran erinnert, dass ich doch abends noch wegwollte und dafür müsste ich doch noch 3 Stunden unterwegs sein. War das schon ein Rausschmiss oder nur eine Erinnerung an meinen Termin?

Und doch hatte das Wochenende alte Wunden aufgerissen. Mit meiner vorletzten Beziehung war ich sieben Jahre zusammen. Ich bin jetzt Anfang 30 und frage mich wo die Zeit geblieben ist. Gestern hatte ich mich doch noch in der Universität eingeschrieben. Wo sind meine letzten zehn Jahre? Mein Studium scheint mir im Moment relativ wertlos. Zwar habe ich meine aktuelle Anstellung deswegen bekommen, aber mein doch so stark angehäuftes Theoriewissen kann ich noch schwer in die Praxis anwenden. Und privat? Ich hatte eine lange Beziehung, einen Partner, der mich unterstützt. Wir haben in der Zeit natürlich auch über Kinder geredet. Aber meine Flamme war mir zu impulsiv, dass ich nicht einmal zusammenwohnen wollte, weil ich Angst hatte vor die Tür gesetzt zu werden. Zudem wollte ich nicht in einem Dorf wohnen, welches nicht einmal ein gelbes Ortschild hat. Andererseits hatte mich meine Flamme unterstützt, als ich in die schwerste Krise gestürzt bin und die Schatten immer länger wurden. Auch wenn wir viele gemeinsame Interessen hatten, waren wir vom Wesen verschieben. Ich liebe die Freiheit, aber entscheide mich schlussendlich immer für die Treue. Aber ich mochte es nicht öffentlich unsere Liebe zur Schau zu stellen. Die Flamme war stets eifersüchtig und hatte sogar damit Probleme, wenn ich mit Menschen des anderen Geschlechts für Klassenarbeiten gelernt hatte. Doch schließe doch nicht Freundschaften wegen den Genitalien. Ständig sollten wir uns öffentlich küssen und jedem ersten des Monats, unserem Tag, sich gegenseitig mit Aufmerksamkeit überschütten. Das konnte nicht ewig gut gehen. Es ist schon vielleicht ein Wunder, dass es sieben Jahre gehalten hat.

Das alles war plötzlich wieder alles so real bei dem Gespräch mit meinen alten Studienfreunden. Wo sind meine letzten zehn Jahre? Was hatte ich erreicht? Ich möchte jetzt nicht unbedingt sofort Kinder haben. Dazu nerven mich meine Schüler viel zu sehr im Moment und mir fehlt auch der passende Partner. Und ich möchte auch nicht dieses Biedermeier-Glück meiner Freunde. Ich möchte glücklich sein. Mein Ideal ist es, dass sich Mann und Frau beide um die Kinder kümmern und halbtags arbeiten. Ich möchte eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Und dann merke ich, dass ich gealtert bin. Ich höre meine innere Uhr ticken. Vor meinem inneren Auge sehe ich immer noch das kleine Mädchen, dass Biologie studieren wollte, um für den Umweltschutz einzutreten. Eben dieses Mädchen war mal politisch aktiv. Das schwule Gendern war mir zu heterosexuell. Menschen, die andere Menschen in Geschlechterrollen drängen und mit ihrer Sprache ständig den Unterschied zwischen Männern, Frauen und Anderen zementieren, sind nichts anderes als stupide Sexisten. Und dann schaue ich den Spiegel und ein leeres Gesicht schaut mich an: Was Bärbel, was hast du erreicht? Und wo sind deine letzten zehn Jahre? Kommt da noch was? Oder war das schon alles?

13 Kommentare zu „Im Spiegel ein leeres Gesicht

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  1. NA, wo sind die 10 Jahre hin?
    Was machen wir mit unserem Potenzial?
    Und mit welchem Geist betreiben wir „unser Reifen“? und kommen zu Erkenntnis bis hin zur Weisheit …

    In der Postmoderne werden wir wunderbarst verführt, entfremdet von uns selbst – erheben das Ganze auch noch zu einem erstrebenswerten Weltbild…

    Womit mit füllen wir uns eigentlich? geistig wie materiell?? und schenkt uns die Postmoderne Chancen, um in den Frieden zu kommen, Zufriedenheit und gar etwas Glück zu erhaschen…

    oder werden wir geschäftig gehalten, wie in einer Legebatterie, einem Hamsterrad, voll von Illusionen, Maya,
    um nichts zu erkennen… um nur auf einem anderen „Level“ ausgebeutet, verführt und an der NAse herumgeführt zu werden. Gibt es schon wissenschaftliche Disziplinen und Professuren, wo gezieltes, wie strukturiertes „Volksverarschen“ gelehrt wird.

    Man (!) entsolidarisiert uns (und gibt uns vermeintlich humanistische „Ersatzräppelchen), man entwurzelt uns (macht uns beliebig, austauschbar und steuerbar), man zieht uns immer mehr weg von der NAtur (obwohl man uns dann irrelevante und nicht zielführende Ideologien schenkt) bis wir ziellose, fundamentlose und nicht mehr menschliche Cyborgs werden – welche dem großen Bruder willenlos, doch voll von Ideologien folgen.

    Gedenken wir der Blaupausen, welcher auch gleichzeitig daher kommt wie ein vorab veröffentlichter Masterplan, wo getestet wird, wie blöd und verdummt wir uns anstellen und eben den neuen Herren (die welche These-Antithese und Synthese für uns entwickelt haben – die welche grundsätzlich dem Faschismus huldigen und diesen „links wie rechts“ schon getestet haben, um uns dann vollkommen zu kontrollieren) folgen. Lemminge gleich, mit unseren Fähnchen in der HAnd.

    Verweigern wir uns, solange es noch geht
    und füttern weder System noch (deren) Ideologien …

    Raffa.

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    1. Das kommt ja noch hinzu, dass ich als Lehrerin eben eine Stütze des Systems bin, welches ich eigentlich aus Überzeugung ablehne. Doch es ist eine Möglichkeit für mich selbst eine Insel zu finden. Nach dem Referendariat wollte ich mir mal freie Schulen ansehen, aber auch die sind nur für Bonsenkinder und damit sollte ich sie wieder ablehnen.

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      1. Hey, auch aus Bonzen-Kindern können wahrhafte und liebende Revoluzzer werden, frei von den Eliten – eben das Gegenteil von den ganzen Merx Brothers bis hin zu den Campinos.

        Eben eine Frage der Gesinnung und des Geistes,
        setzen wir Samen als kleine und doch fleißige Revoluzzer und haben ein wenig Geduld,

        Raffa.

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        1. Da hast du sicherlich recht. Aber ich finde es ungerecht, dass Kinder reicher Eltern dann vielleicht bessere Schulen besuchen können. Und so stehe ich mir selbst und das System dazu mir im Weg. Und ich weiß noch nicht wie ich diesen inneren Kampf lösen kann.

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          1. Die Frage ist doch, was bessere Schulen sind?

            Ich hatte dir ja mal etwas geschickt zum Thema:
            „Welt-Lehrplan“

            Zu deinem letzten Satz: Es gibt nur zwei Möglichkeiten, so bitter oder hart sich das anhört:
            „Mitspielen“ oder weggehen!!

            Es werden immer mehr kritisch, gefrustet und in Folge auch wach – auch wenn sich das jetzt blöd und verbraucht anhört…

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          2. Das ist jetzt schwierig zu beurteilen, was bessere Schulen sind. Ich würde ganz klassisch sagen, wo etwas Sinnvolles gelernt wird. Wenn dann noch Spaß dazu kommt, wäre es perfekt. Wie sich diese einfachen Gedanken jedoch in die Praxis umsetzen lassen, vermag ich nicht zu sagen.

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          3. Es lebe die Herausforderung und die Freiheit.
            Da dürfen wir noch ein bißchen arbeiten, vorbereiten, uns zusammenfinden und das System wegküssen …

            Kann man ja neben der Schule als „Nachhilfe“ starten – obwohl, oops, dann haben die Kinder ja eine 60-Stunden-Woche… brrr

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          4. Aber das Nachhilfe geben hatte mir sehr viel Spaß gemacht, allerdings wird es schlechgt bezahlkt und so viele Stu nden kannst du nicht geben, weil die Schüler auch mal Freizeit haben wollen. Es war aber ganz nett, so vollkommen befreit von der Hektik des Alltags zu leben. Arbeitsbeginn selten vor 12. Und ich konnte sehr viel Fahrrad fahren.

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