30 Stunden ohne Schlaf

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Wellen der Verzweiflung
brechen über mir.
In der kalten Strömung
treibt mich weg von hier.

Dreißig Stunden ohne Schlaf waren notwendig, um auf neue Gedanken zu kommen. Mein Postminister, der sich in meiner Abwesenheit um meine Wohnung, Post und Pflanzen kümmert, hatte mir einen interessanten Gedanken eingepflanzt. Am Dienstag hatte mein Ausbilder in Biologie mir zu verstehen gegeben, dass er meint, dass ich noch ein halbes Jahr verlängern solle, da ich sonst schon fast in die Prüfung müsste. Und dabei habe ich meine Schüler jetzt erst einigermaßen kennengelernt. Die Zeit ging so schnell voran, dass ich fast den morgigen Unterrichtsbesuch vergessen hätte. Zuvor hatte ich schon letzten Freitag meinen eigenen Unterricht verpasst. Begonnen hatte dies mit dem Realisieren, dass das Halbjahr fast vorbei war und dass einige meiner Schüler nur vier Wochen unterrichten konnte wegen Projektwochen, Praktika und dem Warnstreik meines Immunsystems. Einige fehlten zudem häufig, dass meine Noten auf tönernen Füßen steht. Der Teufelskreis hatte begonnen und der Teufelskessel war schäumend am Kochen. Das Kettenkarusell der Zweifel begann sich immer schneller zu drehen. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ich war schon kurz davor aufzugeben. Es fühlte sich die letzten zwei Tage so an, als ob ich meinen Kampf verloren hätte. Ich wollte fast das Praktikum mit Aussicht aufgeben. Das Barometer war auf dem neuen Tiefpunkt von 30 % gesunken.

Nach 30 Stunden ohne Schlaf war es mir plötzlich klar. Wenn ich mir jetzt einen kleinen Urlaub gönne, dann könnte sich meine Mentorin völlig zu Recht über mich beschweren. Erst einfach nicht zu meinem Unterricht kommen und dann plötzlich krank sein. Und auch die Schüler könnten mein Verhalten als einen Teilsieg gegen Frau Weisshaupt deuten. Zudem erinnerte ich mich an das Gespräch mit meiner Seminarleiterin. Sie sagte, dass ich versuchen sollte einfach weiter zu unterrichten. Das Bruttosozialprodukt von Deutschland würde auch nicht sinken, wenn ich jetzt bis zu den Sommerferien einfach schlechten Unterricht mache. Wenn ich möchte, könnte sie mich vielleicht auf ein Gymnasium versetzen. Dort hätte ich es vermutlich leichter. Dort müsse ich nicht um meine Autorität kämpfen. Und die Schüler hätten tatsächlich Angst vor schlechten Noten. Und wenn gar nichts mehr geht, dann könne ich immer noch krankschreiben lassen. Ich Beamtin auf Widerruf. Erst einmal kann mir nichts passieren. Und der Druck ständig von meinen Mentoren beobachtet zu werden, war heute auch geringer, weil meine Kollegin heute mit meinen guten Schülern mikroskopieren wollte. Ich sollte nur die tobende Meute in Schach halten. Und dafür muss der Unterricht nicht gut sein. Es ist vielleicht sogar hinderlich, wenn ich zu vertieft im Stoff bin. Plötzlich spürte ich meine Kraft wieder. Meine Gedanken wurden wieder klarer und ich schlief noch einmal für zwei Stunden. Das Bärbelometer zeigt nun wieder 62 % an. Morgen ist Unterrichtsbesuch. Ich hatte nicht so viel Zeit ihn vorzubereiten wie sonst, aber wir sehen morgen wie es gelaufen ist. Morgen fahre ich erst einmal zu meinem Postminister. Ohne ihn wäre ich nicht mehr hier. Vielen Dank, Dieter!

 

 

4 Kommentare zu „30 Stunden ohne Schlaf

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    1. Befürchte ich auch. aber ich aknn sonst nichts (-;
      Habe eben einen Gerechtkeitswahnsinn und interessiere mich für Biologie und Chemie, wobei ich beide Fächer zu schlecht beherrsche um in die Forschung zu gehen. Habe schon überlegt mich mal bei einer Satiresendung zu bewerben. Aber ich finde meine Gedanken eher traurig als lustig.

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        1. Habe heute endlich mal konkrete Rückmeldung nach meinem vierten Unterrichtsbesuch bekommen. Dazu werde ich morgen einen neuen Beitrag schreiben. Ich frage mich, wieso sie bei den ersten Besuchen immer so nett sind, sodass man erst einmal ein Halbjahr in den Sand setzen muss. Naja, mal sehen, wie ich die Rückmeldung umsetzen kann.

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