Mit der Schule ist es wie mit der Medizin

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Der durch seine Beiträge zur PISA Studie bekannt gewordene Baumert behauptet, dass die Variation von Unterrichtsarrangements dem Unterricht Farbe gebe, sei unschädlich, nützt aber nicht viel. Schon Paracelsus erkannte, dass alle […] Dinge Gift [sind], und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift sei. Auch wenn Unterrichtsanordnungen keine Dinge im klassischen Sinne sind, lässt sich diese Sicht auch auf die Variation von Anordnungen übertragen. Es ist gut, wenn die Lehrkraft eine Vielzahl von Dingen kennt, aber keiner der gegangenen Wege sollte den Anspruch erheben, dass es das Maß aller Dinge sei.

In meinem Studium wurde dies stets bestritten. Gerade in den naturwissenschaftlichen Fächern sei erwiesen, dass direkte Anweisungen weniger lernwirksam seien als direkte Instruktion. Stern, eine Lernforscherin beschreibt gemeinsam mit Felten in ihren Artikel „Lernwirksam unterrichten – Im Schulalltag von der Lernforschung profitieren.“, 2002 im Cornelsen Verlag in Berlin erschienen, dass problemorientierter Unterricht wirksamer ist, wenn die Lernenden die Gesetzmäßigkeit selbst entdeckt haben, als wenn sie es direkt von einer Person erzählt bekommen. Ein solches Anliegen darf nicht dazu führen, dass Versuche nur als Selbstzweck verwendet werden. Auch wenn Experimente Spaß bereiten können, sind sie sehr zeitintensiv und die bloße Durchführung führt eben nicht zum Verständnis der dahinter liegenden Prinzipien.

Zwar helfen Emotionen beim Verarbeiten der Informationen im Hirn und daher ist Spaß zwar kein zu unterschätzender Faktor, aber der naturwissenschaftliche Erkenntnisweg ist ein schwieriger zu bestreiten. Gerade in meiner Erfahrung als Lehrkraft an einer IGS kann ich bestätigen, dass gerade die Heterogenität der Lerngruppen es schwierig macht, dass die Schüler die Fachinhalte selbst erschließen. Während die leistungsstarken Schüler sich eher unterfordert fühlen, weil sie ihre Präkonzepte nicht hinterfragen, sind die leistungsschwächeren Schüler mit diesem Unterrichtsgang überfordert. Sie sind es nicht gewohnt ihren eigenen Kopf zu benutzen und wollen lieber eine schnelle Lösung des Problems. Denken kostet Energie und macht müde. Obwohl das Gehirn von der Masse des menschlichen Körpers nur etwa 2% einnimmt, verbraucht es 20% der Energie. Biologische Systeme wurden durch die natürliche Auslese, der Evolution, gezüchtet, sodass Lebewesen eher dazu neigen Energie zu sparen. Dabei ist es unbedeutend, dass in unserer heutigen Gesellschaft genügend Energie in Form von Essen vorhanden ist. Der innere Schweinehund ist ein Energiesparfuchs. Und die Schüler müssen erst lernen diesen zu überwinden. Auch wenn lernpsychologische Studien ergeben haben, dass es vorteilhaft ist selbst die Lösungen zu entwickeln, muss das erst gelernt werden. Nicht alle Lerngruppen sind dafür bereit. Es ist eben die Aufgabe der Lehrkraft lerngruppenabhängigen Unterricht zu entwerfen. Wenn eine Lerngruppe sich mit dem problemorientierten Unterricht schwer tut, benötigt sie mehr direkte Instruktion, welche dann stückweise reduziert werden kann. Dabei ist der Einfluss von direkter Instruktion nicht zu unterschätzen. Hattie hatte 2009 nachgewiesen, dass es einen starken Einfluss (d=0,59) auf den Lernerfolg hat.

Der Anspruch die Schüler in die Selbstständigkeit zu führen, darf nicht dazu führen, dass sie sich allein gelassen fühlen. Es ist dann nicht verwunderlich, wenn die Schüler dann beginnen sich gegen dieses System aufzulehnen. Zwar ließen sich die Schüler mit Tadeln, Extraaufgaben und Keksen in Form von Experimenten konditionieren, aber wenn die Konditionierung endet, dann ändert sich auch wieder das Verhalten. Gerade für Rechtspopulisten sind unselbstständige Individuen eine leichte Beute. Sie können ihnen einfache Antworten auf komplexe Fragen anbieten, welche sie dann nicht hinterfragen. Auch als Lehrerin für Biologie und Chemie ist es wichtig die Schüler politisch zu bilden. Dies darf unter keinen Umständen zur Überwältigung führen, aber jeder Lehrer ist dem Grundgesetz verpflichtet.

Für meinen künftigen Unterricht bedeutet dies, dass ich abkehre von dem Ideal des Königswegs von dem naturwissenschaftlichen Erkenntnisweg. Er bleibt ein Ideal, aber er sollte nicht als Selbstzweck bestritten werden, denn sonst kann dieses Unterrichtsgerüst schnell entarten. Wenn die Schüler im Nebel stochern, weil sie nicht wissen, was sie heute erwartet, dann wird wertvolle Unterrichtszeit verloren. Für andere Schüler mag es auch demotivieren wirken, wenn sie nicht wissen, was die Lehrkraft erwartet und sie sich nur noch als Stichwortgeber in einem schlecht geschriebenen Theaterstück fühlen. Mit solchen Gedanken erholt sich das Barometer wieder auf 80%.

Damit der Unterricht wirksam ist, darf die Methode nicht Selbstzweck sein. Ein guter Mediziner sollte ebenfalls nicht immer wieder das Gleiche Mittel bei verschiedenen Symptomen verschreiben. Er sollte viele Mittel kennen und bei Bedarf das richtige wählen. Aber keinesfalls darf der Anspruch nach bunteren Unterrichtsarrangements den Weg des Unterrichts bestimmen. Die Unterrichtsarrangements müssen erst von den Schülern gelernt werden. Dies kostet Zeit und Einübung. Methodenvielfalt als Selbstzweck verdünnt den Lerneffekt und ähnelt eher der Homöopathie. Es gibt Menschen, die daran glauben, aber der wissenschaftliche Nutzen ist nicht erwiesen.

Damit der Unterricht funktioniert muss das Ziel transparent sein.  Die Schüler müssen wissen, wohin die Reise geht. Einige mögen das Fahrrad nehmen, andere gehen vielleicht lieber zu Fuß. Jeder Schüler und damit jede Lerngruppe sind unterschiedlich. Einige Schüler lernen aus den Fehlern anderer. Für andere Schüler sind andere Verfahren geeigneter. Der Lernstoff muss auf den Inhalt und die Lerngruppe zugeschnitten sein. Schon Pestalozzi hat vor über 200 Jahren angezweifelt, dass die Menschen Gefäße sind, welche einfach nur füllen sind. Stern weist in ihrem Beitrag mit Felten darauf hin, dass die das Vorwissen von Schülern genutzt werden sollte. Dazu reiche aktives Zuhören nicht aus. Sie müssen ihr Vorwissen anwenden. Tendenziell ist den Autoren zuzustimmen, wobei ganz klar zu sagen ist, dass die Mittel nicht überbeansprucht werden sollten, denn dann vergiftet es die Lernsituation. Das Trinken von sieben Litern Wasser in zwei Stunden kann auch tödlich sein. Die Dosis macht das Gift.

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