Für Irrlichter sich ausbrennen lassen

burnout-991331_1920.jpg

Inzwischen sind sechs von zehn Deutschen vor dem Ausbrennen bedroht. In einer Umfrage der pronova BKK klagten mehr als die Hälfte der Bundesbürger zumindest über gelegentliche Symptome des Ausbrennens. Dazu gehören anhaltende Erschöpfung, innere Anspannung, Rückenschmerzen, Gereiztheit und Schlafstörungen. Über ihre Arbeit grübeln 54% und 53% der Befragten schlafe nach eigenen Angaben schlecht.

Damit wird klar, dass die Arbeit für viele Betroffene eine Belastung darstellt. Bei den Topverdienern in der Informatik mehrt sich der Trend möglichst sparsam zu leben um nach etwa zehn Jahren Arbeit möglichst früh in die Erwerbslosigkeit zu gehen. Leider bietet sich für viele Menschen dieses Modell nicht an, da sie selbst beim sparsamen Leben nichts für die Zukunft zurücklegen können. Gerade dieser Stress erhöht den Druck. Statt die Systemfrage zu stellen, begnügen sich einige lieber mit einfachen Antworten auf komplexe Fragen und tanzen nach den Pfeifen der Rechtspopolisten. Für die Denkprozesse benötigen wir Zeit und Kraft, welche durch eine Arbeitszeitverkürzung erreicht werden könnte.

Der Staat könnte das erreichen, in welchem die Arbeit anders besteuert wird. Gewinne, welche mit weniger Arbeitern erwirtschaftet wird, müsse höher besteuert werden. Es steht damit ganz offen im Widerspruch zum bisherigen System, wo die Rationalität und Produktivität im Vordergrund steht. Es kann nicht das Ziel sein zur Planwirtschaft zurückzukehren, aber es ist eine komische Welt, in welcher mehr Geld mit Geld verdient wird als mit Arbeit von Händen und Köpfen. Während 1970 in der Realwirtschaft und in der Finanzwirtschaft gleich viel verdient wurden, betrug die Weltrealwirtschaftsleistung 2017 bei 80 Billionen Dollar und ist damit ist nur ein Viertel von der in der Finanzwelt, die bei etwa 300 Billionen Dollar liegt. Es scheint als hätte die Finanzwirtschaft den Bezug zur Wirklichkeit verloren. Stellen wir uns vor, dass alle Lehrer, alle Polizisten, Krankenschwestern von heute auf morgen versterben oder dass alle Bankster, Versicherungsvertreter oder Miethaie. Wen werden wir mehr vermissen und warum? Was ist mit den Arbeitern in der Industrie? Was ist, wenn plötzlich keine Waren mehr hergestellt werden?

Um die Welt wieder ins Gleichgewicht zu rücken, sollte in der Realwirtschaft wieder mehr Geld verdient werden. Denkbar wäre dies durch eine Reduzierung schrittweise Senkung der Höchstarbeitszeit. Nach dem schnöden Modell von Angebot und Nachfrage sollte das Angebot der Arbeitskräfte sinken und damit der Preis für die selbige steigen, wenn die Nachfrage konstant bleibt.

Dies würde zu mehr Freizeit bei nicht wesentlich weniger Lohn führen. Möglicherweise führt eine Senkung der Wochenarbeitszeit auch zu einer Abwanderung der Unternehmen. Hier müsste eine europäische Lösung gefunden werden, da eine Verteuerung der Arbeitsstunde auch zu einer Verteuerung der Produkte führt. Dass sich beide Effekte gegenseitig aufheben, ist ein Trugschluss. Während die inflationsunbereinigten Löhne von 1991 bis 2013 der Unterschicht real um 1% gestiegen ist für die unteren 405, sind im gleichen Zeitraum für die oberen 60% die Löhne um etwa 15% gestiegen. Die Produktivitätssteigerung wurde nur an die Reicheren weitergegeben.

Eine Verkürzung der Arbeitszeit solle zu mehr Produktivität führen. Irgendwann sitzt man eben nur noch vor dem Bildschirm und arbeitet nicht mehr wirklich. Am nächsten Tag muss dann das Produzierte übern Haufen geworfen werden. Das gilt aber nicht für Industrie- und Fließbandarbeit. Diese ist sehr stark getaktet, sodass Unaufmerksamkeit gleich geahndet wird.

Auch heute schon, ohne die Systemfrage, werden immer mehr Arbeitsplätze abgebaut und damit wächst die Angst selbst betroffen zu sein. Die Ängste sind lähmend und wirken sich negativ auf die Gesundheit aus und schlussendlich tragen sie mit Schuld an den erhöhten Zahlen der psychischen Krankheiten. Es fällt schwer noch mitzuhalten in unserer Gesellschaft. Der Druck wächst bereits in den Schulen. Schwierig wird diese Entwicklung für die Schüler, die merken, dass sie die überhöhten Anforderungen der Gesellschaft und den damit verbundenen Druck nicht aushalten. Schüler werden psychisch krank. In einer Untersuchung der Universität Zürich ergab, dass bereits etwa 5 der männlichen und 10% der weiblichen 15-jährigen Jugendlichen von Depressionen betroffen sind.

Angst

Ein typischer Verlauf ist zunächst Angst, welche durch das Familie Umfeld oder genetische Faktoren verstärkt werden kann. Daraus entwickelt sich anschließend ein soziales unerwünschtes Verhalten wie ADHS, Störungen im Sozialverhalten oder trotziges Verhalten, wobei stellvertretend gegen die Lehrkraft rebelliert wird. Diese Defizite führen zu Lerndefiziten und Misserfolg, welches schlussendlich zu sozialer Ablehnung führt. Diese soziale Ablehnung führt zu weiterem Frust, der weiteres Rebellieren führt und weitere Lernzuwächse hemmt. Die Schüler befinden sich dann in einer Abwärtsspirale. Selbst wenn sie durch einige Mitschüler bestärkt werden, weil sie so mutig gegen die Lehrer rebellieren, endet die Schulzeit dann mit einem schlechten Abschluss. Die Konsumwünsche können dann nicht selbstständig mehr befriedigt werden, sodass aus der negativen Grundstimmung gegen das System eine Depression sich entwickelt. Der ganze Mut gegen das System zu rebellieren war bedeutungslos. Ohne Hilfe endet ein solcher Weg häufig in der Drogensucht. Es fehlt der positive Blick in die Zukunft. Warum nutzen wir die Produktivitätsgewinne nicht für mehr Freizeit? Für einen positiveren Blick in die Zukunft?

Im erwachsenen Alter sind wie eingangs erwähnt über die Hälfte der Deutschen vorm Ausbrennen und damit tiefen Depressionen bedroht. Wenn unsere Gesellschaft systematisch erkrankt, ist es notwendig das System zu hinterfragen. Immer mehr Wachstum und Wohlstand ist eine Lüge, bei der die Schwächsten krank werden. Wie konnten wir so lange glauben, dass Wachstum unbegrenzt ist und dass durch den Wachstum Wohlstand auch zu den unteren Schichten durchsickert? In den letzten Jahren ist das Durchschnittsvermögen der Deutschen gestiegen. Durchschnittlich besitzt jeder Deutsche nach Abzug der Schulden 232.800 €. Falls du dich jetzt fragst, wo dein Geld ist, dann ist die Antwort ernüchternd: Wird die deutsche Bevölkerung in die arme und reiche Hälfte geteilt, so ist jemand mit einem Vermögen 70 800 in der Mitte, ist also quasi Mittelschicht. Die eine Hälfte hat eben mehr und die andere Hälfte weniger. Mit dem besagten Durschschnittsvermögen würdest du zu den reichsten 20% gehören.

Nicht verwunderlich ist es, dass vom System abgehängte Menschen einfache Antworten suchen. Diese finden sie häufig bei den Populisten. Erschreckend ist es allerdings, dass die Rechtspopulisten häufig keine Antwort auf die soziale Frage haben. An allen Problemen tragen entweder die Altparteien oder wahlweise die Flüchtlinge Schuld. Ihre Ideen von einem besseren Deutschland sollten den sozialen Frieden weiter gefährden und die Ungleichheit weiter verstärken. Aber auch die anderen Parteien haben häufig keine Antwort wie wir unser Land gerechter machen könnten. Während die Linkspartei und nun auch die SPD von Umverteilung spricht, dann erfolgt häufig der Aufschrei, dass dafür ja die Steuern erhöht werden müssten und dass Deutschland schon jetzt ein Land mit einer sehr hohen Steuerlast ist. Diese Vorwürfe sind berechtigt, allerdings solltest du bevor du den Feind links suchst, deine Vermögenswerte genauer betrachten. Gehörst du mit deinem Vermögen tatsächlich zur reicheren Hälfte? Wenn ja, ist es notwendig, dass dein Vermögen weiterwächst? Wo soll das ganze Geld herkommen? Und wenn nein, wieso hörst du dann noch auf das Geschwätz der kapitalistischen Einheitsparteien, dass der Reichtum nach unten durchsickert? Laut Scholz sind wir kurz vor dem Abschwung. Hast du etwas mitbekommen vom letzten Aufschwung? Wie lange wollen wir noch für die Irrlichter uns ausbrennen lassen?

29 Kommentare zu „Für Irrlichter sich ausbrennen lassen

Gib deinen ab

  1. Deine letzte Schlussfolgerung den Kopf oben zu behalten und sauber zu bleiben ist ein schwieriger Appell. Je mehr ich mich mit dem politischen System befasse und je mehr ich es durchdringe, desto mehr wünsche ich mir doch Unwissenheit zurück. Es ist erfrischend sich systemkritische Gedanken zu machen, aber solche Gedanken enden häufig in Hilflosigkeit. Gespürte Hilflosigkeit stellt für den Menschen einen enormen Stress dar, welche eben auch das Immunsystem angreift und auch sonst zu chronischen Krankheiten führt. Daher kann ich nur jedem raten nicht zu viel nachzudenken und nicht zu überlegen, wie du das System ändern kannst, sondern wie kannst du dich für das System ändern ohne unglücklich zu werden. Bei mir ist es allerdings zu spät. Die Büchse der Pandora ist geöffnet, aber die Hoffnung am Grund der Büchse vermag ich mit jedem Gedanken nur noch verschwommener zu erkennen.

    Was also tun?

    Liken

  2. Mal wieder provokativ, als zweimal ausgetretene „linke Socke“,

    ist es moralisch denn besser, wenn man sich durch die linke Mischpoke ausnehmen läßt?,
    oder ist gerade dieses Paradoxum dafür verantwortlich, daß die „länger-hier-Lebenden?“ sich ausgebrannt fühlen, obwohl mir da andere Adjektive einfallen…

    Ich weiß nicht, ob ich von Glück sprechen kann, daß ich bald seit zwei Jahrzehnten dieser Parteiung auf Nimmer-Wiedersehen gesagt habe.

    Das blöde, wie interessante ist, daß viele alte „Sozen“ dem LAden den Rücken gekehrt haben und was Sahra derzeit macht…??!!!

    Es dürfen andere Alternativen her – und damit meine ich nicht diese neue „Blaue systemische Beruhigungspille“ –
    doch, wie ich schon schrieb: Auf diesem seltsamen Globus kommen wir alten Linken bei unserem kosequenten Weg (gen links) den „Neo-Postmodernen Möchtegern-Linken“ ja wieder von rechts entgegen.
    (Achtung: für dieses Bild ist eine Transfer-Leistung nötig, womöglich eigenes Denken)

    Bleiben wir anarchisch und trauen dem System und der Obrigkeit nicht über den Weg –

    Alles Liebe,
    Raffa.

    Gefällt 1 Person

    1. Welche Adjektive fallen dir denn ein?

      Jenseits des Hauptstromes brauchen wir ein besseres Versprechen als das schnöde Modell des freien Marktes, der schon alles regelt.

      Du hattest vermutlich deine Gründe, dass du den sogenannten Linken den Rücken gekehrt bist. Sie geben sich links ohne rot zu werden.

      Eine rechte Lösung ist noch nicht in Sicht. Doch ich blicke gespannt in die Zukunft, wie lange es noch dauern wird bis der Kapitalismus scheitern wird. Ich möchte jetzt nicht feuchte Träume vom Sozialismus zerstören, aber der hatte in der Vergangenheit eben auch nicht funktioniert, weil eben die Parteieliten sich auf Kosten der Bevölkerung bereichert haben. Es ist vollkommen gleich unter welchen Bannern wir verarscht werden. Notwendig ist ein neues Denken, aber das ist zu anstregend. Und auf Netflix und Youporn gibt es doch so schön viele Videos, die ich noch nicht kenne.

      Was bleibt ist die Flucht ins Private, oder eine Flucht vor der Realität mit Drogen.

      Gefällt 1 Person

      1. Tja, werte Frau Haimart,
        wo soll ich anfangen…?
        Nehmen wir die gescheiterten, obwohl „die“ auch nur die andere Seite der einen Medaille sind-> die Kommunisten und Sozialisten Marke „ehem. Ostblock“ . da ist ja nur noch das chinesische Spielfeld übergeblieben – doch die sind ja jetzt das erste Versuchsobjekt für die u.a. technische Umsetzung von „1984“.

        Also nochmal, diese Aufteilung von vermeintlich „links“ und „rechts“ wurde von dieser einer Hintergrundmacht inniziert, frei nach dem Motto: These versus Antithese — und die Synthese geben sie uns dann auch vor.
        Aktuell für BRD: von der blauen Alternative bis hin zu den vermeintlich tiefroten „Die Linke“ gehören alle diesem Spiel, diesem System an. Die Amis haben die Wahl zwischen „Elephant“ und „Esel“ – alles Polit-Darsteller, welche die Aufträge aus dem „Off“ zu erfüllen haben.

        Das Ganze mit dem Endziel wurde in der Weltgeschichte auch geübt, in kleinen Abwandlungen. Beispiel: Italia & Mussolini, wie Germania & Hitler, wie auch Russia & Stalin. (Transfer-Leistung)
        Das Ziel, wie das Hintergrundbild ist in seiner Neuerscheinung etwas größer zu fassen, damit es auch „erfolgreich“ ist.
        Mein Tipp: Was ist der Ursprung, geschichtlich, wie inhaltlich, des Faschismus???
        Verschmelzung von Wirtschaft, Staat und … (Tipp: Denke an Mussolini´s Tat 1929)

        Na, und zu deiner letzten Conclusio – und wie clever vom System: Diese Tür halten sie uns auch noch offen, denn in diesem Zustand sind die Menschen auch keine Gefahr für die, welche jetzt das Welt-Theater nach ihren Plänen umbauen wollen.
        Genialer, wie langfristig geplant: Verblödung, Ent-Solidarisierung von Gesellschaften oder Flucht in vermeintliche und vordergründige „Wohlfühl-Zonen“…

        Kopf hoch und sauber bleiben, dann denkt und tut es sich auch klarer uund besser,
        Alles Liebe,
        Raffa.

        Gefällt 1 Person

      2. Ist der Appell wirklich so schwer?
        Die andere Lösung wäre ja dann eine „Bedingungslose Kapitulation“. – die ist mitunter leicht, erst recht, wenn sie uns so schmackhaft gemacht wird – vordergründig und gleichzeitig nur von kurzer Dauer.
        Wie sage ich es immer so salopp:
        Gib den Leuten ´nen Appel und ´nen Ei, gib ihnen ein „Räppelchen“ und vielleicht auch ´ne Tüte Prestige — dann verkaufen sie sich, ihren Verstand/geist und ihre Seele…
        Folge: Zahnlose, willige Sklaven, wunderbar zu steuern von max. 1% der Menschheit.
        Wollen wir uns so billig beherrschen lassen? und wenn du Erkenntnis gewonnen hast, warum verfluchst du sie wieder? Klar, die erste Erkenntnis ist mitunter niederschmetternd, doch warte auf deine „zweite Luft“, vertraue dir und nicht nur den Aufrechten, auch wenn sie noch wenige zu sein scheinen – die Zeit des Aufwachens und Erkennens läuft gerade erst an…

        Sei Mut und vertraue, daß eben dieser samt der Stärke in dir zu Hause sind…

        Gute Nacht, auf bald oder bis Morgen,
        Raffa.

        Gefällt 1 Person

        1. Es ist gut, an seine eigene Wirksamkeit zu glauben. Das hält gesund. Allerdings bezweifel ich sehr stark, ob solche Gedanken zu mehr führen außer zu aufgerissenen Narben. Das System stresst und Dauerstress ist eben ungesund. Daher lieber eine schlechte Lösung finden, als immer wieder gegen die Mauer zu laufen.
          https://haimart.wordpress.com/2019/04/20/sisyphusarbeit-ohne-stress/

          Deiner Diagnose mit dem sich Verkaufen kann ich nur zustimmen. Aber wie möchtest du das ändern? Für kleine Vorteile sind eine Menge Leute bereit sehr weit zu gehen. Gemeinsam könnte vermutlich auch die Mauer eingerissen werden…

          Liken

          1. Auf dem Weg zur Selbsterkenntis und auch bei der „Bejahung“ des Lebens gibt es immer wieder diverse Lernaufgaben. Die Frage ist, ob wir aufgeben…

            Naja, und zur Bejahung des Lebens gehört es dann auch, zu lernen, Nein zu sagen oder eben von „Dingen“ weg zu gehen.

            Wenn alles nur positiv und „Huschi-Puschi“ wäre, was bleibt uns dann.
            Das Spannende ist, das eigene Entwicklungspotenzial zu nutzen (natürlich auch vorab zu sehen) – doch da ist logischerweise einjeder gefragt.
            Nix tun und nur nölen bringt auch nix…

            Vielleicht noch eins: Leben ist Beziehung. -> und das fängt mit der Beziehung mit und zu sich selbst an… klassische Fragenstellungen folgend!

            Alles Liebe,
            Raffa.

            Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Create a website or blog at WordPress.com

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: