Im Freien Fall

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Zwei Seminare. Zwei Unterrichtsstunden. Und am Ende des Tages bleibt nur der Druck auf meinen Lungen. Ich atme. Ich lebe aber zurzeit nicht. Wahrscheinlich möchte meine Lunge mich nur an zweierlei erinnern. Für ein Leben braucht es mehr als den Gasaustausch von Kohlenstoffdioxid und Sauerstoff und suche dir einen Ausgleich. Es muss mehr geben als Aufstehen, Essen, Arbeiten, Essen, Arbeiten, Schlafen. Auch wenn ich mir das alles nicht so zu Herzen nehmen wollte, ist meine Bilanz nach zwei Monaten wieder im Schuldienst ernüchternd. Ich nehme es mir jetzt halt auf die Lungenflügel.

Auch wenn ich es mir mehrmals geschworen hatte, dass ich härter durchgreifen muss, fällt es mir schwer. Leider haben dies auch schon meine Schüler mitbekommen, sodass sie es vollkommen ausnutzen. Statt sich mit den Naturwissenschaften zu beschäftigen, führen sie lieber Privatgespräche und verweigern größtenteils die Mitarbeit. Leider ist es in der Zwischenzeit in der einen Klasse schon so laut geworden, dass es auch den anderen Mitschülern schwer fällt sich zu konzentrieren und ich kann schwer den Ursprung der Unruhe lokalisieren. Ich muss ständig Flächenbrände löschen und die Anzahl der Leistungsbereiten sinkt. Aktuell befindet sich das Niveau auf einer Abwärtsspirale.

Ich erlebe Rückblenden. Ich muss daran denken, was in meinem ersten Referendariat alles schiefgelaufen ist und was es mit mir gemacht hatte. Eigentlich hatte ich Rückenwind gespürt aus meiner Zeit als Vertretungslehrkraft.

Zunächst habe ich mich direkt an die Klasse gewendet. Ich hatte den Unterricht abgebrochen und gefragt, wie der Unterricht besser gemacht werden könnte. Neben lauter respektlosen Antworten, habe ich auch den Hinweis bekommen mehr für Ruhe zu sorgen.

Ich habe mich nun an die Klassenleitung gewandt. Leider ist meine Schule so groß, dass ich bisher die Klassenleitung noch nicht persönlich kennengelernt habe. Daher blieb mir nichts anderes übrig als einen Ebrief über das schulinterne Netzwerk zu schreiben.

Zwei Dinge bereiten mir trotz allem Mut. Zum einen, dass auch meine Seminarleitung aus dem Hauptseminar gesagt hatte, dass eine Gesamtschule in der Großstadt eine schwierige Aufgabe ist. Zum anderen, dass ich auch bereits mit den Klassensprechern gesprochen habe, dass es so im Moment nicht weitergehen kann. Sie hatten mir gesagt, dass die Klasse letztes Jahr versucht hatte ihre Klassenlehrerin zu demontieren und dass ich eben die Neue bin und mich jetzt beweisen müsste. Mein Unterricht sei interessant gestaltet, aber ich müsse mehr Strenge zeigen. Was mich zweifeln lässt, ist dass bereits mein Körper mir signalisiert, dass er Ruhe braucht. Daraus folgt, dass ich meine Unterrichtsvorbereitung nicht mehr so sorgfältig machen kann, wie ich möchte und gleichzeitig kann ich diesen Schmerz nicht so einfach abstellen. Gleichzeitig führt eine nicht so sorgfältige Unterrichtsvorbereitung zu mehr Chaos in der Klasse, welches ich gerade bekämpfen möchte.

Der Zweifel wächst. Ich möchte nicht wieder so enden, wie nach meinem ersten Referendariat, aber ich möchte auch noch nicht nach zwei Monaten aufgeben. Wenn ich mich an meine Zeit als Dozentin zurückerinnere, dann war es zwar schön, dass ich so viel Freizeit und Freiheit hatte, aber die war nur aus der Zukunft geliehen. Als Dozentin arbeiten bedeutet Honorararbeit. Ich bin dann selbstständig und zahle nichts in die Rentenkasse, sodass ich unweigerlich in Altersarmut enden würde. Keine erfreuliche Alternative. Das Barometer sinkt auf 63%.

Trotz allem bin ich froh, dass ich es versuche. Es ist ja noch meine Ausbildung und ich ihr Lehrling.

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12 Kommentare zu „Im Freien Fall

  1. Oh, das ist hart. Hier ein paar theoretische Tipps:

    – Unterrichtsstörungen gehen vor. Erst die Störungen beseitigen, dann weitermachen.

    – Konsequent sein: eine angedrohte Maßnahme sollte man dann auch durchsetzen. Auch der Schwächeren in der Klasse zuliebe. Denn die Starken und Lauten proben manchmal eine Art Anarchie, wenn man sie lassen würde, aber auf dem Rücken der Schwächeren, die gerne etwas lernen möchten.

    – Unterricht tendenziell eher lehrerzentriert machen, wenn die Klasse so unruhig ist und die Tendenz hat, Freiheiten auszunutzen. Und den Unterricht straffer zu gestalten versuchen, auch, indem immer mal wieder was geschrieben werden muss, das bringt oft Ruhe und Konzentration.

    – Abschreiben: nicht selber an der Tafel schreiben. Sobald Du einer solchen Klasse den Rücken zudrehst, ist es mit der Konzentration oft vorbei. Lieber am Beamer schreiben (per Tastatur, da hast Du einen Geschwindigkeitsvorteil), oder auf Folie per Overheadprojektor. Und bei beiden Methoden hast Du der Klasse weiterhin das Gesicht zugewandt.

    – Und dann die Dinge, die zu lernen waren, auch abfragen und benoten. Dann lernen die Schüler (optimalerweise zumindest), dass es schon darauf ankommt, im Unterricht aufzupassen.

    – und wenns wieder besser läuft, kann man auch wieder mehr Freiheiten geben

    – Aber dran denken: man soll durch konsequentes Handeln eben auch die Schwächeren und Leisen schützen. Und man soll sich selbst auch schützen, damit respektvoll mit einem umgegangen wird (denn das darf man erwarten).

    Alles Gute Dir !

    ach ja, und: möglichst ein Bild oder eine kleine Geschichte oder irgendwas, was erstmal Interesse weckt, als Stundeneinstieg verwenden.

    Antoine de Saint-Exupery sagte sinngemäß: Wenn Du willst, dass Leute ein Schiff bauen, treibe sie nicht dazu an. Sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten Meer.

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    1. Vielen Dank. Die Theorie ist mir bekannt und ich versuche gerade diese Sehnsucht zu entfachen, allerdings meinen sie, dass die Privatgespräüche interessanter sind. Und da kommen wir gleich zu den erste Punkten, die du beschrieben hast. Diese werde ich versuchen umzusetzen. Ich halte dich auf dem Laufendem.

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  2. Bist du sicher, dass das der richtige Job für dich ist? Wenn es dir nicht gelingt, ein gewisses Maß an Autorität auszustrahlen, machen dich die Schüler fertig; die wittern jede Schwäche. Für diesen Job braucht man ein ziemlich dickes Fell. Brennpunktschule ist Bootcamp. Für Lehrer. 😦

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    1. Ich probiere das jetzt noch aus und sehe das Referedariat als Praktikum. Mittlerweile geht es mir wieder etwas besser. Wenn es dann nicht sein soll, dann ist auch nicht schlimm. Aber nach zwei Monaten das Handtuch zu werfen, finde ich doch zu früh.

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      1. Dass du nach zwei Monaten noch nicht das Handtuch werden willst, kann ich gut verstehen. Aber sei nach Beendigung des Praktikum bitte ehrlich zu dir selbst und bleib nicht nur aus Mangel an momentanen Alternativen bei der Stange. Es ist kein Problem, wenn du dich in dieser Phase deines Lebens beruflich ausprobierst und ggf. umorientierst. Nach Jahren im Job und womöglich mit einem Burnout oder Schlimmerem belastet, sieht das dann schon anders aus. Nur ein gut gemeinter Rat.

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        1. Es ist nett, dass du dich so um mich sorgst. Ich behalte das weiter im Auge. Allerdings habe ich schon als Vertretungslehrktraft gearbeitet und das hat mir überwiegend Spaß gemacht. Da hatte ich zwar auch die Probleme mit den Unterrichtsstörungen. allerdings war das keine Brennpunktschule.

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          1. Okay, die Art und der Standort der Schule sind natürlich auch von erheblicher Bedeutung. Wird ja hoffentlich nicht Duisburg Marxloh sein. Anyway, pass auf dich auf. 🙂

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          2. Meinen Standort verrate ich nicht. Allerdings ist es schwierig auf sich selbst aufzupassen, besonders, weil meine Freunde gerade etwa 450km von mir entfernt sind und hier im Referendariat ist es schwer neue Leute kennen zu lernen.

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          3. Ich hatte nicht die Absicht, dir den Standaort zu entlocken. 🙂 450 Km fern der Heimat sind schon echt happig. Wie lange dauert dein Referendariat denn noch?

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          4. Wenn alles gut läuft, dann noch 10 Monate. Dann sehe ich weiter, ob ich auf Dauer die böse Lehrerin spielen kann. Aber du hast Recht, dass ich da ehrlich zu mir selbst sein muss.

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