Entwurzelt.

forward-567664_1920.jpgWenn ich die letzten Unterrichtsstunden auf Hinblick des Lernzuwachses betrachte, dann wundert es mich nicht mehr, dass besonders in Deutschland der Anteil, derjenigen, die nur das unterste Niveau erreichen oder sogar darunter liegen besonders groß ist. Fräulein Weisshaupt arbeitet als Referendarin an einer Gesamtschule in einem sozialen Brennpunkt. Das hatte sie auch bereits in ihrer Heimat getan, aber hier in der Großstadt ist es noch einmal herausfordernder.

Damals hatte ich gefragt, woran man merkt, dass man verrückt ist. Ich hatte auf einer 100 minütigen Autofahrt immer nur immer wieder zwei gleiche Lieder gehört. Die Frage steht zwar immer noch im Raum, aber mittlerweile habe ich entdeckt, woran es liegen könnte, dass mich vieles so mitnimmt. Ich befürchte, dass ich hochsensibel bin. Leider empfinde ich es nicht als Gabe, sondern eher als Last. Stress ist unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Zwar öffnet es auch Chancen, weil sich gerade mir Schüler schnell öffnen, und es erleichtert mit ihnen eine Beziehung einzugehen. Obwohl ich nur die Fachlehrerin bin, welche 2-3 Stunden pro Unterricht pro Klasse gibt, erlebe ich es immer wieder, dass Schüler bei mir Hilfe suchen und nicht zum Klassenlehrer gehen. Allerdings bin ich bei Klassenführung bisher noch überfordert. Wenn es zu Unterrichtsstörungen kommt, stehe ich enorm unter Druck und verfehle um Meilen meine Lernziele. Ich werde im Referendariat für den Lernzuwachs der Schüler bewertet. Montag habe ich den ersten Unterrichtsbesuch von meinem Ausbilder. Ich habe beschlossen den Unterricht weniger offen zu gestalten und die ersten Briefe an die Eltern zu verfassen.

Doch dieser fällt bisher eher schlecht aus. Gut, ich arbeite an meiner Schule erst seit einigen Wochen. Passend dazu habe ich eben Money for Nothing von den Dire Straits gehört. Dabei ist es mehr, was ich leiste als nichts. Ich mache den Schülern Lernangebote, welche sie ablehnen. Ich brenne für meine zu unterrichtenden Themen, was leider nicht immer der Fall ist. Manchmal werden einige Fachinhalte nur aus fachlicher Notwendigkeit für andere Themen behandelt. Diese Durststrecke ist für Schüler und auch für mich nicht sonderlich leicht zu ertragen. Heute wollte ich mit den Schülern den Gasbrenner einführen und mit ihnen üben Pipette und Messzylinder zu verwenden. Wie Alchimisten und Apotheker muss auch der moderne Chemiker seine Laborgeräte beherrschen. Ich habe dann noch eine Verknüpfung zu Harry Potter mit dem Stein der Weisen gewagt, aber es hat die Schüler nicht interessiert. Sie wollten nur möglichst schnell die Gasbrenner benutzen. Ich machte ihnen klar, dass das so nicht geht, da sie dafür konzentriert arbeiten müssen, was sie gerade nicht tun. Außerdem muss klar sein, was wir mit den Brennern vorhaben. Ich habe dann untersuchen lassen wie viele Tropfen 1 ml enthält. Das hängt übrigens von der Fähigkeit ab zu Pipettieren. Die Schüler brauchten nur etwa 20 Tropfen, Fräulein Weisshaupt hingegen 41.

Meine Kollegen meinen, dass es etwa ein halbes Jahr dauert bis Neulinge in neuen Klasse Land sehen. Mich belastet die ganze Situation im Moment nicht so stark. Ich habe nach dem Scheitern bei meinem ersten Referendariat ja gesehen, dass das Leben weiter geht. Aber auch bei meiner Stelle als Vertretungslehrkraft mussten die Schüler sich erst einmal an Frau Weisshaupt gewöhnen. Und am Ende gab es ja sogar ein außergewöhnlich gutes Arbeitszeugnis. Und trotzdem mache ich mir meine Gedanken. Was ist, wenn ich dem Stress nicht gewachsen bin. Warum setze ich mich diesen aus? Wieso tu ich mir das an? Bei meinem ersten Versuch das zweite Staatsexamen zu erwerben, wurde ich so stark verbrannt, dass ich schon den Geruch von Feuer fürchte. Es war mühsam für mich zum Arzt zu gehen, damit der mich krankschreibt, weil ich nicht mehr fähig war zu unterrichten, obwohl in den Praktika in der Universität mir versichert wurde, dass ich im Referendariat keine Probleme haben werde, weil ich ja so guten Unterricht mache.

Krank geschrieben war es ganz angenehm eine kurze Zeit zu harzen, aber auf Dauer verdunkelt es nur die schwarzen Gedanken. Ich brauche eine Aufgabe. Und darum habe ich meine Heimat hinter mir gelassen. Ich fühle mich entwurzelt, auch wenn ich versuche mich sehr stark mit meinen Mitreferendaren zu vernetzen.

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4 Kommentare zu „Entwurzelt.

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  1. Ach du Hai-Mart, du

    ist es nicht diese Diskrepanz zwischen dem, was da postuliert wird und dem, was da wesentlich und natürlich ist – und wo das „Natürliche“ verschwinden soll, nach Maßgabe der herrschenden Eliten…?
    Dies gilt für so viele Lebensbereiche und zeigt sich bei dir in der Branche/Schule als besonders heftiges Filtrat – auf das du, wie auch andere einen Kampf, einen inneren, haben, zwischen dem was da „vorgegeben wird“ und was in uns allen eigentlich ausgelebt sein will. Was aufkeimt ist der Zweifel, der dann nach Programm „weggebügelt“ werden soll…
    So gibt es reichlich „geistig Tote“ und „Zombies“, welche das nicht mehr wahrnehmen (die Diskrepanz) und auch nicht mehr tangiert oder gar stört.(und willenlos mit machen – kennst du welche von der „Sorte“ im Lehrerkolleg“???)

    In der lebt noch „was“, das, was rebelliert und nicht weiß, wie und warum??, weil der Rest…

    Was hilft ist Liebe, haufenweise Liebe, doch wer kennt die noch, nach diesen „De-Naturierungs-Programmen“…
    Sie ist in uns, mit leiser Stimme – ergo dürfen wir Loslassen, den lärmenden Müll der Welt – den wir gar nicht brauchen, doch man, die Welt, trällert die ganze Zeit, laut und bunt; so nach dem Motto:
    Mein Haus, meine Yacht, mein Auto, mein Partner… und das ist nur ein Programm.

    Halt den Rücken gerade und die Ohren steif, laß den Mist mehr und mehr, Stück für Stück los – auch, wenn du dann etwas einsam wirst, doch mit der Stille kommt die Ruhe und die Gelegenheit, die zarte Stimme so hören, welche zwar leise ist, doch gleichsam so mächtig…

    Und wenn ich dich über die Texte richtig „verstanden “ habe, dann machen dich die Angebote der Welt nicht wirklich zufrieden oder gar glücklich, mitunter ist es nur das Gegenteil… und doch halten wir in Sado-Maso-Manier daran fest -ist doch nicht logisch… in dieser ach-so-logischen Welt!!????

    Erkenne deine Wahrheit, sie ist in dir und wachse in die Erkenntnis…
    doch ich bin nur ein kleiner Seestern in diesem Meer, du darfst dir gerne deine eigenen Strand suchen – und den Hai ablegen…

    Alles Liebe,
    Raffa.

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe ist gut, allerdings wissen Schüler das häufig nicht zu schätzen. Wenn du eben weniger streng bist als die anderen, dann sabotieren sie gleich deinen Unterricht. Als Biochemikerin habe ich relativ wenig Kontakt zu den Kollegen, weil ich ständig in den Sammlungen rumhängen muss.

      Wenn ich wenigstens einen Sinn dadrin sähe, aber die Schüler wollen eben nur gute Noten und ihre Freunde treffen. Da stört der Unterricht erst und muss gestört werden. Meine Kollegen sind eben erfahrener als ich und kennen daher Kniffe diese Erwartungshaltung zu brechen. Es lässt mich ganz frösteln, wenn ich scheinbar nur die Wahl habe selbst zu brechen oder gebrochen zu werden.

      Du hast vollkommen recht, dass mich die Angebote in der Welt nicht beglücken. Im Moment versuche ich meinen Hunger nach Sinn mit gutem Essen zu stillen, allerdings macht mir scheinbar nun das Arbeitsamt ein Strich durch die Rechnung.
      https://haimart.wordpress.com/2019/03/01/moderne-sklaverei/

      Gefällt 1 Person

      1. Hallo werte Haimart,
        erlaube mir auf nur zwei Dinge einzugehen, von unten beginnend:
        „Hunger nach Sinn mit gutem Essen stillen“ – hast du nicht einige Worte zuvor geschrieben, daß dich die Angebote der Welt nicht beglücken – Ein alter „Spruch“ sagt: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein… – und als „böses Sahnehäubchen“ oben drauf – warum darf (weil du es zuläßt) und kann die das Arbeitsamt ein Strich durch die Rechnung machen??

        Darf ich dich als zweites dazu einladen, über die Liebe zu sinnieren und hineinzuspüren?
        — Liebe hat nicht nur mit Sanftmut oder neumodischer Toleranz zu tun – es dürfen auch „Zurechtweisungen“, welche vermeintlich beim ersten Schluck bitter scheinen …–
        Na, da kommen wir doch noch zu Punkt 3: Ja, auch die Kinder dürfen und müssen ent-täuscht werden – auch wenn es Lehrer wie Schüler anfänglich… s.o.

        Bleib`wacker und sei Mut,
        Raffa.

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        1. Ich bin davon ausgegangen, dass ich weil ich Januar nur geringfügig beschäftigt war, dass sie mir das Hartz IV gewähren. Allerdings wurde ich als Beamte im Voraus bezahlt, sodass sie das Gehalt für Februar mit dem Januar verrechnen. Das führt bei mir zu finanziellen Engpässen. Und dann kann ich mir eben weniger gutes Essen leisten.
          https://haimart.wordpress.com/2019/03/01/moderne-sklaverei/

          Bezüglich der Liebe hast du Recht. Ich muss Grenzen aufweisen. Das fällt mir allerdings noch schwer, da ich sehr freiheitsliebend bin und eigentlich in meiner Erziehung nicht limitiert wurde. Irgendwie hatten meine Eltern es auch so geschafft mich zu zivilisieren. Aber die Kinder missachten die Selbstverständlichkeiten im Umgang. Da muss ich als Lehrerin eingreifen. Ich versuche gerade mit meinen Kollegen an einem Strang zu ziehen. Allerdings fällt mir die erzieherische Ebene des Berufs noch so schwer. Eigentlich wollte ich ja die Schüler von meinen tollen Fächern begeistern.

          Liken

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