Die Wölfin muss Zähne zeigen

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Früh und häufig scheitern: Das Pädagogikseminar in der Einführungswoche hatte mich gestärkt. Besondere Kraft ziehe ich auch aus der Unterstützung meiner Kollegen, auch wenn einige von ihnen scheinbar sehr dünnhäutig sind. Zusätzlich habe ich noch die Expertise aus meinem ersten Referendariat. Meine Lehrtätigkeit als Vertretungslehrkraft hat mich abgestumpft. Ich nehme es mir nicht mehr zu Herzen, wenn Schüler meinen Unterricht zerstören.

Ich hatte für heute eine sehr gute Stunde ausführlich geplant. Und dann war mein Betreuer verhindert, sodass ich mit den Schülern allein war. Mein Unterrichtsangebot hatte sie gar nicht erreicht, weil sie ganz außer Rand und Band waren. Zu den Zeitpunkt hatte ich sie nicht wirklich unter Kontrolle. Ich hatte den Kurs nun das zweite Mal und kann zwangsläufig noch nicht alle Schüler, geschweige denn ihre Namen. So habe ich es auch erst zu spät gemerkt, dass sich die Schüler gegen die Sitzordnung aufgelehnt hatten. Natürlich hatten die drei Unruheherde sich zu einem Gefäß der Sünde kumuliert und Unterrichten war nicht mehr möglich. Ich wollte nie das Alphatier sein, vor dem die Schüler Angst haben. Doch es scheint das pädagogische Paradoxon zu geben, dass die Schüler ihre Lehrer zu dem erziehen, was sie nicht haben wollen. Und ich will es nicht sein.

In meiner heutigen Schulstunde habe ich zumindest meine drei Freunde nun mit Namen kennengelernt, habe einigermaßen die Anwesenheit kontrolliert und habe sogar einen kurzen Text über die Rückkehr der Wölfe gelesen. Dabei hatte ein Schüler sogar gleich naturwissenschaftlich das Problem beschrieben und dazu auch die Forschungsfrage gestellt. Ich konnte zwei Vermutungen sammeln und dann waren die 45 Minuten zu Ende. Aber ich bin nicht am Ende.

Die jungen Schüler wollen mich testen, wie weit sie bei mir gehen können und sie haben die Grenze weit überschritten. Ich möchte nicht den Leitwolf spielen, aber sie drängen mich in die Rolle. Um noch das schlimmste Chaos zu verhindern, hatte ich Fenja in den Reflexionsraum geschickt. Das ist ein Ort, wo die Schüler über ihr Fehlverhalten nachdenken sollen und überlegen, wie sie ihr Verhalten künftig verbessern können. Sollte ein Schüler zwei Mal am Tag dort hin verwiesen werden oder drei Mal in der Woche droht Suspendierung. Doch die Schülerin meinte, dass der Reflexionsraum zu war. Das war er natürlich nicht, wie ich mich später im Sekretariat informiert habe. Auch die Logbücher, mit welchem wir Lehrer mit den Eltern kommunizieren, hatten sie nicht dabei. Ich habe jetzt die Telefonnummer des Sekretariats in meinem Telefon abgespeichert, welches ich künftig drohen werde anzurufen, falls mir wieder ein Schüler sagt, dass der Reflexionsraum geschlossen sei. Auch wenn die Rudelführerin Bärbel noch um ihren Status in der Gruppe kämpfen muss, hatte sie der Klassenlehrerin ein Zettel ins Fach gelegt und die Vorfälle gemeldet. Nächsten Montag habe ich die Schüler wieder und ich werde erst einmal mit ihnen über ihr schlechtes Benehmen sprechen. Ich werde ihnen klar machen, dass ich ihnen im Moment nicht vertraue und daher keine Schülerversuchen mit allen durchführen kann. Da die Chemie aber gerade davon lebt, werde ich auf Schülerdemonstrationsexperimente zurückgreifen müssen. Dort kann ich die Schüler belohnen, die mir bereit sind, meinem Unterricht zu folgen. Alles andere wäre wahnsinnig schon im Sinne der Sicherheit. Wer sich nun meinen Anweisungen folgt, muss nun mit einem Elternanruf rechnen. Aus meiner bisherigen Erfahrung an einer Gesamtschule weiß ich, dass Schüler nicht wirklich davon zu beeindrucken sind. Allerdings ist es ein Versuch wert.

Ich bin jetzt im Referendariat und werde nun meine Seminarleiter mehr in die Pflicht nehmen. Ich kann mittlerweile meine eigenen Schwächen reflektieren und um Hilfe bitten. Da sollen sie mir doch sagen, wie ich zu der Führungskraft werden kann, die ich nie sein wollte. Aber nur mit spannendem Unterricht wird es nichts. Biologie und Chemie können gerade in den unteren Schulstufen auch mal langweilig sein, aber ich habe das Glück, dass ich jetzt gerade spannende Themen bekommen kann, für welche ich brenne und die ich auch interessant finde. Ich möchte die Faszination für diese beiden Fächer weitergeben, aber vorher muss ich erst einmal die Welpen kultivieren. Ich muss die fürsorgende Mutter sein, die aber auch im Sinne der Fürsorge Strenge zeigen muss. Der Tag war schon anstrengend für mich, aber ich bin ohne Mittagsschlaf ausgekommen und habe fast alles geschafft. Ich muss morgen erst später hin, sodass ich für die andere Klasse die restlichen Vorbereitungen treffen kann.

Ich bin heute nicht gescheitert. Ich bin über meine Grenzen getrieben worden. Mittlerweile gibt es 30 Paare von wildlebenden Wölfen in Deutschland. Heute Nacht ist eine neue Wölfin geboren worden, die auch ihre Zähne zeigen wird.

10 Kommentare zu „Die Wölfin muss Zähne zeigen

Gib deinen ab

  1. Oh, die Laissez-faire-Fehler der vorherigen lieblosen und toleranten „Erziehungsfehler“ den Schülern in die „Schuhe schieben“, die zerstörten Gefäße, die wir mit und über Liebe füllen dürfen – was bleibt, sind diese anderen „funktionierenden Gefäße“, welche trefflich funktionieren und von dir auch trefflich bezeichnet wurden. Das blöde ist, daß die dann noch viral gehen, weil vermeintlich erfolgreich.

    Paradoxe Antworten der etablierten Lehrerschaft…???!!??

    Halt die Ohren steif,
    festige dich und deine Erkenntnisse – und was die Erkenntnisse angeht, bleibe offen und flexibel (auch wenn das jetzt vordergründig paradox klingt), denn sonst bricht man dich, wie bei der anderen…, welche dann ihre Weisheiten als Wahrheiten verkaufen.

    Liebevolle Revoluzzer-Grüße,
    Raffa.

    Gefällt 2 Personen

      1. Keine Ahnung, es könnte in Stein gemeißelt sein, mit Sicherheit in irgendwelchen Leerbüchern, in einem Kodex gar – vielleicht sind es nur „widersinnige“ Verhaltens-Echos der alten und etablierten Lehrer …

        Doch du hast es doch auch schon auf dem Schirm:
        „Doch es scheint das pädagogische Paradoxon zu geben, dass die Schüler ihre Lehrer zu dem erziehen, was sie nicht haben wollen. Und ich will es nicht sein.“

        Man könnte gar von einem Teufelskreis sprechen…

        Zähne zeigen und mit Lächeln drohen…???!

        Bleib wacker!,
        Raffa.

        Gefällt 1 Person

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