Intelligenz demaskieren

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Intelligenz ist eines der großen Streitthemen, die auch über das Fach Psychologie und Pädagogik abstrahlen. Unter Intelligenz wird allgemein die Gesamtheit verschiedener Fähigkeiten verstanden, welche zum Denken, zum Problemlösen und zum Meistern von neuen ungewohnten Situationen benötigt wird. Gerade bei Themen wie sozialer Gerechtigkeit, bei der Verteilung der begrenzen Ressourcen oder bei unserem Bildungssystem hat die Frage nach den genetischen Ursachen oder den Umweltfaktoren eine enorme Brisanz. Wie kann Intelligenz quantifiziert werden?

Auch wenn einige Wissenschaftler allgemeine Intelligenz in verschiedene Einzelfähigkeiten zerlegen, so zeigt sich, dass die Einzelfähigkeiten korrelieren. In einer Metastudie aus 127 Studien zum Thema Intelligenz konnte mit aufgrund eines Testwertes bei 11-Jährigen den Bildungserfolg und auch den Erfolg im Beruf voraussagen. Solche Vorhersagen erwecken Begehrlichkeiten. Doch auch wenn die Vorhersage möglich ist, könnte eben gerade diese Vorhersage dazu geführt haben, dass die Vorhersage in Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung eintrifft.

Das Messen der Intelligenz kann also schnell zu einer gefährlichen Waffe werden. Doch wie viel steckt nun in den Genen und wie viel wird durch unsere Umgebung beeinflusst? Stellen wir uns zur Verdeutlichung beide Extreme vor. Wenn Intelligenz größtenteils nur genetisch begründet wäre, dann wäre der gesellschaftliche und gesellschaftliche Status von den angeborenen Unterschieden determiniert. Demzufolge wären Bildungsmaßnahmen für untere soziale Schichten vollkommen bedeutungslos, da diese ihre Intelligenz und ihren sozialen Status von ihren Eltern erben. Gehen wir umgekehrt davon aus, dass kognitive Fähigkeiten hauptsächlich durch die Umstände geprägt werden, dann wäre die Vererbung des sozialen Status nur auf die Chancenungleichheiten begründet und damit in Sinne der Gerechtigkeit schwerstens zu verurteilen.

Abseits von Gerechtigkeitsdebatten sollen nun Studien vorgestellt werden, welche den Mythos der Intelligenz demaskieren sollen um zu klären, inwieweit Intelligenz genetisch bedingt ist. McGue und Kollegen haben 1993 eine Studie veröffentlicht, in welcher die genetischen und umweltbedingten Einflüsse von Intelligenz untersuchten. Dazu wurden die Intelligenzen von Eineiige Zwillingen (EZ), welche zusammen aufgewachsen sind (ZA), Eineiige Zwillinge die getrennt voneinander aufgewachsen sind (GA), Zweieiige Zwillinge (ZZ), die zusammen aufgewachsen sind, gemeinsam aufgewachsene Geschwister und nicht Verwandte (NV) in Bezug gesetzt. Zur Erinnerung eine Korrelation von 1 steht für einen 100%igen Zusammenhang, wobei 0 keinerlei Zusammenhang feststellt.

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Erwartungsgemäß ist die Korrelation von Eineiigen Zwillingen, die gemeinsam aufwachsen am größten. Dort liegt die Korrelation bei 0,88. Werden die Zwillinge nach ihrer Geburt getrennt, entwickelt sich die Intelligenz verschieden. Obwohl sie genetisch absolut gleich sind, korreliert die gemessene Intelligenz nur noch um 0,71. Dieser erhebliche Unterschied deutet auf einen Umwelteinfluss hin. Der Vergleich Zweieiige Zwillinge und Eineiige Zwillinge offenbart, dass auch genetische Faktoren eine Rolle spielen. Dass die gemessene Intelligenz von Zweieigen Zwillingen mehr gleicht als gewöhnlichen Geschwistern, deutet wieder auf einen Umwelteinfluss hin, denn sowohl Zweieiige Zwillinge als auch gewöhnliche Geschwister besitzen etwa 50% gemeinsame Gene. Da sie aber gleichzeitig und gemeinsam aufwachsen, machen Zweieiige Zwillinge ähnlichere Erfahrungen, aus welcher eine ähnlichere Intelligenz hinweisen. Aber selbst die Intelligenzen von Nichtverwandten, die gemeinsam aufwachsen, korrelieren noch schwach, welches wieder den Einfluss der Umwelt untermauert.

Häufig wird angenommen, dass genetische Faktoren wie ein Programm ablaufen, auf welches die Umwelt keinen Einfluss hat. Doch dies stimmt nicht. Die Gene interagieren auch mit der Umwelt, denn auch die Körpergröße ist genetisch bestimmt, wobei das Lebewesen genügend Nährstoffe benötigt. Wird eine Pflanze auf einen schwachen Nährboden ausgesät, dann wird sie schlechter wachsen, als auf einem fruchtbaren Boden. Zwar gibt es innerhalb der Gruppen immer noch eine genetisch bedingte Varianz, allerdings werden die Pflanzen auf dem Fruchtbaren Boden durchschnittlich besser wachsen. Gene sind von wichtiger Bedeutung.

Dass sich diese Ergebnisse auch auf die Intelligenz des Menschen zurück übertragen lassen, verdeutlicht eine traurige Beobachtung aus einem iranischen Waisenhaus um 1982. Dort haben Ramey & Ramey beobachten müssen, wohin extreme Vernachlässigung bei Kindern führt. Die Kinder des Waisenhaus konnten im Alter von 2 Jahren noch nicht ohne fremde Hilfe sitzen um im Alter von 4 Jahren noch nicht alleine laufen. Die spärliche Fürsorge führte zu Weinen, Gurren oder ähnlichen Verhaltensweisen. Die Vernachlässigung war nicht die Reaktion, sondern die Ursache für die Unterentwicklung des Gehirns. Die Kinder wurden zu passiven Gestalten, die ihr Leben und ihre Umwelt nicht im Griff hatten, sodass ihre angeborene Intelligenz verkümmerte. Das iranische Waisenhaus war sich bewusst, dass fürsorglicher Umgang wichtig sei für die Bedürfnisse der Kinder. In einem Programm wurden den Kundenbetreuern beigebracht Lautspiele mit den Säuglingen zu spielen. Anschließend wurden den Kindern die Laute der persischen Sprache beigebracht. Erstaunlicherweise konnten alle 11 Kinder, die an diesem Programm teilnahmen, mit 22 Monaten mehr als 50 Gegenstände und Körperteile benennen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Gene und Umwelt im Wechselspiel die Intelligenz entwickeln. Allerdings stellt sich daraus die konfliktträchtigen Fragen wie lässt sich die Ungleichheit rechtfertigen? Wie kann Inklusion gelingen?

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