Starke Schwächen

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Während andere in die unendlichen Weiten der Sterne schauen, stehe ich hier am Rande des Weltalls und stelle mich meinen inneren Dämonen. Ich bin noch zehn Tage in meiner gewohnten Umgebung, wo ich hauptsächlich als Dozentin an einer VHS Förderunterricht für Kinder aus der Unterschicht anbiete. Nach langem Zögern habe ich mich nun endlich entschieden wieder Lehrerin werden zu wollen.

Mein Gemüt schwankt zwischen Spannung, Vorfreude und Angst. Nach meinem Abitur fiel es mir noch leichter zu gehen. Ich wollte etwas von der Welt sehen und trotz guter Kontakte zu den Eltern ausziehen. Mittlerweile habe ich mich sehr an meine norddeutsche Kleinstadt gewöhnt. Ich habe hier meine Theatergruppe oder meinen Gitarrenkurs der evangelischen Studenten Gemeinde und meine Freunde. Und doch merke ich, dass ich etwas ändern muss. Vor zwei Monaten war ich kurzzeitig in einer Beziehung und habe gemerkt wie gut mir die Nähe getan hat. Ich hatte das Gefühl auf einer Wellenlänge zu schwingen. Besonders getroffen hatte es mich, dass eine so gläubige Person so sehr mit mir gespielt hat. Gerade von dieser Art Mensch hatte ich mehr erwartet. „Du bist mir zu wichtig als, dass ich dich nur benutzen möchte. Ich liebe eine andere Person. Lasst uns lieber Freundschaft Plus ausprobieren.“ Aber gerade diese Worte taten mir weh. Wenigstens muss ich im Referendariat keine kräftezerrende Fernbeziehung führen, vor allem mit einer Person, der anscheinend Treue nicht so viel bedeutet wie mir.

Als ich dann letzten Donnerstag habe ich erfahren, dass mein letzter Partner inzwischen jemanden Neues hat, vermutlich eben nicht die besagte andere Person.“ Ich frage mich warum mich das so belastet. Wir kennen uns etwa ein Jahr und hatten seit etwa einem halben Jahr zweideutige Nachrichten geschrieben und mir war nie klar, was sind nur Zitate aus Liedern und wie viel steckt Liebe ist dem Ganzen enthalten. Ich verlangte Klarheit und erklärte, dass ich schon lange nicht mehr so glücklich war. Ich wollte wissen, ob wir zusammen sind. Das waren wir. Während mein Leben sonst einen verrauschten Sinus mit Verschiebung um -1 in Y-Richtung verschoben ist, war ich ganz berauscht von dem Glück.

Umso überraschender kam für mich das Aus. Die ganze Situation hat mich so sehr mitgenommen, dass ich bei einer Feier so stark über die Stränge schoss, dass Freunde mich nach Hause tragen möchten, denn sowohl Ex mit neuem Glück waren anwesend. Besonders verwunderlich kommt es mir vor, dass ich obwohl ich nicht mehr als die anderen getrunken habe, doch deutlich zu viel hatte. Ich war einst sehr trinkfest, aber vielleicht jagen meine geistigen Dämonen, sodass ich schneller betrunken bin. Kurzzeitig sind diese Dämonen betäubt, aber sie kommen dann noch schlimmer wieder. Es ist kein somatosensorischer Schmerz gewesen, sondern eher ein Gefühlskater. Da ich nicht an Götter glaube, erscheint mir das alles so furchtbar sinnlos. Ich möchte arbeiten um zu leben und nicht umgekehrt, aber gleichzeitig muss ich jetzt mein gewohntes Umfeld verlassen. Aber gerade wenn ich nicht auf das Göttliche verlassen kann, dann sollte ich am besten selbst dazu beitragen Liebe und Gerechtigkeit unter die Menschen zu bringen. Und weil ich mich mit diesen Idealen identifiziere, ist möglicherweise der Beruf des Lehrers genau das richtige für mich. Ob diese diffuse Wolke aus Beweggründen reicht, um wieder zu fliegen, nach den Sternen zu greifen?

Genau darum möchte ich das Referendariat fortsetzen. Ich möchte meine Freiheit zurück. Auch wenn weine Bearbeiterin bei dem Arbeitsamt ist wirklich sympathisch ist und mir stets mit meinen Anliegen hilft, schreit mein Herz nach Freiheit. Ich möchte weder bei meinem künftigen Partner betteln, noch möchte ich mich ständig abhängig machen vom Arbeitsamt. Die Tätigkeit an der VHS gefällt mir sehr gut, allerdings reicht sie nicht um davon zu leben. Zusätzlich ist das nur auf Honorartätigkeit, sodass ich in den Ferien oder bei Abwesenheit von Schülern nicht bezahlt werde. Ich muss etwas ändern. In meinem Studium hatte ich mir gewünscht einmal ein Auslandssemester einzulegen. Zu Beginn hatte ich Angst, weil mir mein Englisch Unterricht mir eingeredet hatte, dass ich kein Englisch kann. Als ich dann fachwissenschaftliche Texte auf Englisch gelesen hatte und die meisten Serien mittlerweile auch nicht mehr auf Deutsch sehe, konnte ich nicht, weil ich mich entschieden hatte neben meinem Biologie Studium auch noch Lehramt für Biologie und Chemie zusätzlich zu studieren. Da ich selbst aus der Unterschicht kam, musste ich mit 300€ Bafög und 200€ Dazuverdienst leben, sodass jede Verzögerung mein Studiumserfolg gefährdet hätte. Nun kann ich mein Auslandssemester machen. Es ist sogar ein Auslandsjahr geworden mit einem Praktikum mit der Möglichkeit auf Festanstellung.

Ich kann noch einmal mich erkunden. Vielleicht lag mein Scheitern nicht nur an mich, sondern auch im unpädagogischen Umgang während der Ausbildung. Ich war an einer Schule, in welcher es schon als kommunistisch zählt in der GEW, einer Sozialdemokratie nahen Gewerkschaft zu sein.

Nach meinem gescheiterten Erstversuch im Referendariat habe ich viel über meine Stärken und Schwächen nachgedacht. Ist es verwunderlich, dass sich Blockaden entwickeln, wenn ständig der Fokus auf den Schwächen liegt? Sollten nicht auch mal die Stärken betrachtet werden? Warum heißen Schwächen überhaupt Schwächen, wenn sie oftmals stärker sind als die Stärken?

 

15 Kommentare zu „Starke Schwächen

Gib deinen ab

  1. Ist es nicht die Welt da draußen, oder auch das System, daß den Fokus auf die Schwächen befeuert. Das System kann und will auf deine, unsere Stärken verzichten – wo kämen wir denn hin, wenn die kleinen „Fresser“ sich ihrer Stärken bewußt werden.

    Dann hätten wir ja so etwas wie Anarchie, was dem System, den Herrschenden in keinsterweise in den Kram paßt, wo sie diese Tendenz, auch die zur Anarchie „schlecht“ machen.

    Ergo, halt dich an die „Wahrheiten“, Verzeihung, die Vorgaben des Systems und sei schön gefügig … und schwach!

    Hab Mut und schäme dich nicht deiner Stärke(n), entdecke sie, entwickle sie, verschenke und teile sie mit den Menschen und verschleudere dein Sein nicht an das System.

    Alles Liebe,
    Raffa.

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    1. Es ist bedauerlich, dass in unserem jetzigen System der Fokus eben auf den Schwächen liegt. Allerdings ist das glaube ich kein Naturzustand. Auch in einem sozialdemokratischen Land sollte nichts gegen Humanismus sprechen. Und nein, ich meine immernoch nicht die SPD, wenn ich sozialdemokratisch sage.
      Die haben sich nicht wirklich zu ihren Werten bekannt in den letzten Jahren.
      https://haimart.wordpress.com/2018/10/16/zwischenzeugnis-fuer-die-kleine-sozialdemokratie/

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      1. Was ist bitte Humanismus, welcher ist gemeint?
        Wie du weißt, bin ich schon ein alter Sack – und bei dem Neo-Humanismus dieser Tage komme ich nicht mehr mit (vielleicht die SPD von heute?)!
        Ist ja schon das gleiche „VerFahren“ wie mit dem Liberalismus und dem Neo-Liberalismus.

        Ahh, ich bin alt und schwach, vielleicht auch Weisheits-dement! – wieviele Jahre sind wir schon nach „1984“??? Ist neue neue Rot-Rot-Grün schon so verrührt und verquirlt worden, daß der Malermeister sich schon über das „neue Braun“ wundert???
        Oder müssen wir noch weiter zurück, zu den alten Büchern, wo geschrieben steht, daß ein gewisser Heer S. alles auf den Kopf stellt.

        Rebellion der Herzen, jetzt!!!!
        und die Logik darf natürlich mitmachen, da sie, die Logik, eine Untermenge der Liebe ist.

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        1. Ich meine den ganz klassischen Humanismus, bei welchem die Würde des Menschen nicht verletzt wird. Das System soll für den Menschen dasein und nicht umgekehrt.

          Die politischen Farben sind mittlerweile schon so verblast, dass sie für mich alle nur noch grau sind. Allerdings finde ich es gefährlich, dass es wieder mehr Rechtspopulisten gibt, welche mit einfachen Antworten auf die komplexen Fragen uns versuchen zu blenden. Das ist eben für mich eben das Paradebeispiel, wieso Wahrheit nicht immer einfach sein muss.

          Wir brauchen den Blick für das Große.
          https://haimart.wordpress.com/2019/01/22/auf-erden-schon-das-himmelreich-errichten/

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          1. Sorry, wie von mir bekannt ist, war ich ja mal ´ne linke Socke und erlaube mir hier vehement zu widersprechen – die drei Krümel aus der rechten Ecke, welche vom Verfassungsschutz gegründet, geführt und ausgerüstet werden sind zu vernachlässigen – die Gefahr, der Extremismus und die Gewalt kommt von links und den tollen Antifanten/Schwarzer Block.
            Seit wann helfen komplexe wie komplizierte Lösungen dem einfachen Mann/Frau von der Straße – die Ausgeburten aus den neuen Elfenbeintürmen der ehemaligen Sozialdemokratie, haben, wie du selbst schreibst, zu recht ihre Quittung bekommen.

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          2. Die AfD hat gerade einen sehr großen Zuspruch. Und sollten sie ihr Programm umsetzen, dann trifft es eben den kleinen Mann.

            Was hättest du denn für einfache Lösungsvorschläge? Die Anarchie ist ein schwieriger Weg, wobei ich mir immer noch nicht sicher bin, ob er zielführend unsere Situation verbessern würde.

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          3. Boah, du Schisser und Reaktionär.
            Was ist an der Anarchie so schwer zu verstehen. Angeblich kommst du aus der linken-aufgeklärten-humanistischen Ecke, die ersten Geburtswehen und Schriften stammen genau aus dieser politischen Ecke!!!

            Da wir keine Verfassung haben, könnte man doch so vieles an anarchischen Anteilen dort hineinschreiben…

            So kommen wir zum anderen Teil deiner Antwort: Welche Partei, welche von allen! hält sich an ihr Programm??? Lies die mal und dann können wir uns weiter unterhalten.
            P.S. So du ein wahrer und aufrichtiger Demokrat bist; müssen wir dann nicht den Wunsch des Souveräns anerkennen, selbst wenn der Wähler eine Partei wählt, mit der wir nicht unbedingt sympathisieren???

            Aber da gleiten wir ja in die links-hummanistischen Doppelstandards ab, wo man meint mit der überlegenen Ideologie über andere bestimmen zu dürfen – das ist im übrigen Diktatur und zeugt von wenig Charakter und Geist.

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          4. Nein, die Parteien halten sich meistens nicht daran. Neu für mich ist allerdings, dass die neoliberalen Forderungen der AfD im Interesse des besagten Luden ist und vielleicht eben deshalb doch umgesetzt wird. Es stimmt, dass ich demokratisch bin. Insofern muss auch der Wunsch des Souveräns anerkannt werden, auch wenn er gegen meine und seine eigenen Interessen stimmt.

            Den Teil mit der Verfassung würde ich widersprechen. Wie unterscheidet sich denn das Grundgesetz von einer Verfassung? Und selbst wenn wir uns heute für die Anarchie entscheiden würden, wie kann dann sicher gestellt werden, dass eben nicht wieder Großkapitalisten ihren Willen durchsetzen?

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