Gefallener Engel

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Besonders in den unteren Schulformen ist es mit unter schwierig zu unterrichten. Neben dem Vermitteln von Fachinhalten und dem Erziehen zur Selbstständigkeit gehört auch das Motivieren zu den Kernaufgaben einer Lernkraft. Motiviert zu sein bedeutet in der Lage zu sein etwas zu bewegen.

Psychologisch gesehen werden drei Extreme von Motivation unterschieden. Bei der Amotivation fehlt die Motivation, wird ohne Ziele gehandelt und der Betroffene bleibt passiv. Benötigt die handelnde Person frei von Belohnung oder Androhung von Strafe, also von innerer Neugier oder aus Forschungsdrang, ist die Person intrinsisch motiviert. Liegt der Grund zum Handeln außerhalb des eigentlichen Gegenstands liegt extrinsische Motivation vor. Es gilt vier Zustände zu unterscheiden, wie weit der Handlungsgrund außerhalb der Handlung liegt.

motivation

Bei der externen Regulation erhoffe ich mir Belohnung oder möchte ich einer Bestrafung entgehen, hat das Handeln gar nichts mit der Handlung zu tun. Sollte ich einen inneren Druck spüren inneren Anstößen nachgeben liegt Introjektion vor. Möglicherweise möchte ich einer bestimmten Gruppe oder einer Person gefallen. Wenn die Handlungen als sinnvoll und widerspruchsfrei zu eigener Persönlichkeit liegen, sprechen Psychologen von Identifikation. Bei der Integration handelt es sich schon fast um intrinsische Motivation. Die Handlung als wichtig empfunden und stimmt absolut mit dem eigenen Selbst überein. Der einzige Unterschied ist, dass wenn der Reiz von außen aufhört, dann wird auch nicht mehr agiert. Die Aktion benötigt noch einen Auslöser um zu handeln. Als erfolgreicher Motivator sollte einem die kleinen Unterschiede bewusst sein. Für eine wirklich langfristig permanente Handlung muss, der das Ziel die Handlung des Akteurs werden. Es ist psychologisch sinnvoll von dem einen Extrem der Amotivation in den beschriebenen, kleinen vorsichtigen, Schritten zur intrinsischen Motivation zu nähern. Je weiter das Ziel außerhalb liegt, um so mehr Energie muss ich aufwenden, um den Handelnden zur Handlung zu bewegen.

Aber leider kann man von den Schülern nicht erwarten, dass sie intrinsisch motiviert sind. Gerade in der Chemie wird Wissen benötigt, um die wirklich interessanten Themen zu verstehen. Schnell merken die Schüler, dass Chemie nicht die Antworten liefert, wozu die Schüler Fragen haben. Aber auch in der Biologie kann es schwierig werden. Die Biologie ist eine sehr große Wissenschaft, sodass ich auch Themen behandeln muss, die ich nicht wirklich interessant finde.

Dieser kleine ehrliche Exkurs zeigt schon, dass auch ich nicht wirklich intrinsisch motoviert bin. Lehrerin zu sein ist bei mir kein Selbstzweck. Doch wo würde ich mich selbst einordnen? Und wo würdest du dich bei deiner Berufswahl einordnen? Sollten Macht oder Geld deine Motive sein, dann bist du auf der untersten Stufe der extrinsischen Motivation. Abgesehen von der Unsicherheit aufgrund von Zeitverträgen und auf Honorarbasis habe ich meine Arbeit als Dozentin an der Volkshochschule geliebt. Ich hatte das Gefühl etwas Sinnvolles zu tun, was auch wichtig ist und es ist in meiner Natur anderen Menschen helfen zu wollen. Doch als Dozentin habe ich Schülern bei ihrer Bewältigung ihrer Probleme in einigen Fächern geholfen. Gerade für junge Menschen ist es schwierig zu unterscheiden zwischen Fach und Fachlehrer. Viele sehen den Lehrer dann als Verursacher dieser Probleme und suchen nicht die Fehler bei sich. Natürlich gibt es beide Seiten. Aber der Notendruck verschlechtert das Lehrer-Schüler-Verhältnis. Ich bin dann nicht mehr die Freundin, die hilft, sondern die Lehrerin, die mit schlechten Noten droht.

Warum möchte ich also wieder Lehrerin sein? Auch wenn das Modell relativ einfach ist, ist die Wirklichkeit um Einiges komplexer. Ich habe eine Vielzahl von Beweggründen und natürlich auch einige, die dagegensprechen. Mit meinem Geld komme ich ganz gut klar, sofern wir nicht gerade Ferien haben und ich beim Arbeitsamt um Hilfe betteln muss. Dazu kommt noch die ständige Kontrolle. Ich darf nur an 20 Tagen im Jahr meinen Wohnort verlassen und muss das vorher genehmigen lassen. Und eine Woche hat sieben arbeitsfreie Tage. Das bedeutet übersetzt ich darf nur drei Wochen fernbleiben. Und doch ist da eine Stimme in meinem Kopf, die meint ich solle arbeiten. Möglicherweise ist es die Angst doch eine Maßnahme vom Arbeitsamt zu bekommen, die vollkommen gegen meine Persönlichkeit ist. Das wäre zum Putztätigkeiten und zum anderen sämtliche Tätigkeiten im Dienste des Kapitalismus. Ich möchte nicht Waren oder Dienstleistungen verkaufen, von denen ich nicht vollständig selbst überzeugt bin. Und da sind wir auch schon bei der Schule. Die Schulbildung ist wichtig für den weiteren kompletten Lebensweg. Leider verläuft die Schulbildung häufig ungerecht, da der Bildungserfolg noch immer stark von den Einkommen des Haupternährers zusammenhängt. Die Wahrscheinlichkeit die Schule mit dem Abitur zu beenden ist für Kinder, bei denen mindestens ein Elter studiert hat mit 78% fast doppelt so hoch wie das von Arbeiterkindern, wo nur 44% die Hochschulreife erreichen. Kann diese diffuse Wolke aus Beweggründen reichen um wieder zu fliegen?

Aber gerade hier kann ich versuchen rechtschaffend ein Ausgleich zu sein und besonders den Kindern aus der Unterschicht unterstützen, wenn sie Probleme haben. Das ist sinnvoll und deckungsgleich mit meiner Persönlichkeit, welche stets nach Gerechtigkeit schreit. Zusätzlich habe ich das Bedürfnis mich selbst zu verwirklichen. Ich möchte nicht nur der Anhang in einer Beziehung sein. Ich möchte individuell sein, so wie jeder und gerade das schaltet mich gleich mit den Systemzombies. Wenn ich mir überlege, dass ich nur die ganze Hausarbeit machen müsste, dann fände ich das frustrierend. Das ist sehr energieaufwendig und schon nach einigen Tagen sieht es wieder so aus wie vorher. Das ist eine verdammte Sisyphusarbeit. Ja und er erkennt das und schiebt dann freiwillig und selbstbestimmt den Felsen hoch. Aber die Lage hat sich nicht geändert. Also selbst, wenn ich einen reichen Prinzen hätte und ich vollkommen befreit vom Druck des Arbeitsamtes wäre und das Geld bei meiner Arbeit vollkommen nebensächlich wäre, dann würde ich arbeiten wollen. Aber dann vermutlich eher als Dozentin, wo ich direkt der Unterschicht helfe, statt die Ursache der Probleme zu personifizieren. Ich möchte mir selbst gefallen, dabei bin ich meine härteste Kritikerin.

Und dann habe ich immer diese Angst nicht gut genug zu sein. Ich hatte schon einmal das Referendariat begonnen und bin gescheitert. Dass ich schnell mein Selbstwertgefühl aufgebe, hat bestimmt etwas Pathologisches. Ich habe die Diagnose Depressionen. Zwar habe ich ein Gutachten aus dem hervor geht, dass ich wieder gesund bin und dass ich ohne Einschränkung unterrichten kann. Meine Psychologin hatte mir sogar gesagt, dass sie meint, dass ich eine gute Lehrerin wäre. Dann kommt wieder der Splitter in meinem Kopf, die mir sagt, dass hier etwas nicht stimmt. Vielleicht sagt sie es dir nur um dich zu therapieren. Damit du wieder ein Rädchen im Getriebe des unmenschlichen Systems werden kannst. Und doch fühlt dieser Zweifel an sich und an dem System an wie eine klare Brille, sodass ich die Realität so sehe wie sie ist. Ungeschminkt. In mir ist eben dieser Zwiespalt zwischen kämpfen und aufgeben tief verankert. Und mal entscheide ich mich für das eine mal für das andere. Nicht wirklich logisch und sehr widersprüchlich, aber ich bin eben kein Roboter. Auch wenn ich versuche noch so logisch und wissenschaftlich zu sein, bleibe ich ein Mensch von Fleisch und Blut. Und gerade im Referendariat habe ich mehr Liebe und Bestätigung benötigt als sonst. Mein damaliger Partner hatte mir wirklich geholfen. Doch nun bin ich allein. In einer fremden Land.

 

 

23 Kommentare zu „Gefallener Engel

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  1. Wunderbarer Überblick, wo bei mir ein Satz mich so angetriggert hat, wohl auch, weil er über „Schule“ hinaus geht, liebe Dozentin für Erwachsenen-Bildung:
    „…wo ich direkt der Unterschicht helfe, statt die Ursache der Probleme zu personifizieren.“
    Mir hat es an diesem Punkt geholfen, noch eine Ausbildung als Bergführer zu machen …

    Die Distanz zum System, wie auch das Abnabeln hilft, einen Überblick zu gewinnen, Strukturen zu erkennen und auch sich mehr und mehr von Doktrinen, Ideologien und Zwängen von Weltanschauungen zu trennen.
    Irgendwie ein Weg weg von den Halbwahrheiten und hin zur Klarheit, Reinheit, wie auch in eine Radikalität der Wahrheit, fern der menschlichen Machtansprüche und Manipulationen…

    Viel Spaß auf dem Weg, welcher für jeden glücklicherweise anders ist, mit unterschiedlichem Tempi, Herausforderungen und einem Ziel jenseits von … Zeit und Raum. Ein geistiges Ziel.

    Gutes Gelingen, hab Mut,
    Raffa.

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    1. Ich bin gar keine Dozentin für Erwachsenen Bildung, sondern ein Teil des Teilnahmepakets von Flintenuschi. Ich helfe tatsächlich Schülern, welche direkt aus der Unterschicht kommen. Und wenn ich wieder ins Referendariat gehe, werde ich vermutlich eben genau das vermissen.

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