Selbstständig den Stecker ziehen

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In meiner Erfahrung als Lehrkraft habe ich gelernt, dass besonders Schüler in den Jahrgängen 7 und 8 anstrengend sein können. Auf der einen Seite sind sie gerade dabei ihre Sexualität zu entwickeln und gleichzeitig rebellieren sie. Es ist fraglich wogegen sie sich auflehnen. Im Jahrgang 10 sind sie abgeklärt und respektieren dich, wenn du sie nicht vollständig nervst. Möglicherweise lehnen sich die Schüler einfach gegen das System Schule auf.

Besonders im Studium wird einem eingetrichtert, dass interessanter Unterricht sehr wichtig ist. Die Schüler sollen aus ihrem Alltag abgeholt werden und nach dem Unterricht da auch wieder zurückgebracht werden. Besonders in den Naturwissenschaften hat sich die Methode des klassischen Erkenntnisweg als Königsweg etabliert. Die Schüler sollen zunächst in Form eines kurzen Einstiegs durch Bilder, Filme oder Zeitungsartikel in einen kognitiven Konflikt geführt werden. Sie sollen erkennen, dass ihr bisheriges Wissen nicht ausreicht und sollen Forschungsfragen entwickeln, die sie anschließend mit Vermutungen beantworten und mit selbst entwickelten Versuchen überprüfen. Auch ein noch so moderner Ansatz fußt auf dem Grundsatz, dass es sowohl schriftliche als auch andere ständige Mitarbeit gibt.

Während einige Schüler sich nicht an öffentlichen Debatten beteiligen, weil sie es langweilig oder unsinnig finden an den chaotischen Debatten zu beteiligen, bei welchem scheinbar die Quantität der Beiträge eine größere Rolle spielt als ihre Qualität. Ganz geschickte Schüler stellen Fragen, wobei sie anschließend genau das sagen, was einige Augenblicke vom Lehrer gehört hatten. Eine wirklich objektive Benotung fällt daher schwer.

Auch ich bin eher ein Mensch, der nur den Mund aufmacht, wenn er etwas zu sagen hat und sonst schweigt. Besonders schlimm finde ich die Debatten in den Geisteswissenschaften, wo sich eigentlich alle einig sind, aber die dann trotzdem diskutieren, weil es ja so großartig ist verschiedene Bildungsbegriffe zu entwerfen, obwohl wir eigentlich viel eher über das System an sich sprechen sollten. Darum hatte ich ja auch Naturwissenschaften studiert, aber dann kam doch noch die Pädagogik dazu und das Geblubber ging wieder los.

Es stellen sich hierbei allerdings zwei Fragen. Erstens wie können wir als Lehrer damit umgehen, dass vielleicht einige nichts sagen mögen, weil es ihnen unsinnig vorkommt und andere nichts sagen, weil sie eben tatsächlich nichts wissen. Die zweite Frage ist, wie wir die Schule besser gestalten können. Ich könnte ja auch andersrum argumentieren und sagen, dass ich in den Klassenarbeiten immer so aufgeregt bin und mich da nicht konzentrieren kann. ich traue mich eher am öffentlichen Diskurs teilzunehmen und dabei die Welt zu entdecken.

Häufig wird behauptet, dass die Schule zu einfach geworden ist. Das Abitur ist gar nichts mehr wert. Gemessen wird das an den Quoten der Abschlüsse. Während Schüler, die vor 1945 geboren wurden nur 13,1 % die Hochschulreife erreichten, waren es Schüler zwischen 1965-1970 31,3 %, aktuell sind es 42,1 %. gleichzeitig sinkt die Quote der Hauptschulabschlüsse. Bloß der Anteil der Schüler ohne Schulabschluss bleibt etwa konstant.

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Es ist richtig, dass Schule im Laufe der Zeit eine immer größere Bedeutung zu geschrieben wird. Gute Bildung gilt noch immer als Versprechen einen guten Job zu finden und vor Armut zu schützen. Diese Entwicklung war allerdings auch politisch gewollt. Vor 1970 erreichten besonders weibliche Schüler signifikant niedrigere Abschlüsse als ihre männlichen Mitschüler. Mittlerweile sind 50,6% aller Studienanfänger weiblich und versuchen damit eine akademische Fachkraft zu werden. Besonders für ein Land wie Deutschland, welches nur wenig Bodenschätze hat, ist Bildung das einzige Kapital, besonders bei der immer weiter fortschreitenden Automatisierung werden immer mehr Fachkräfte benötigt. In den Nachrichten ist immer wieder vom Fachkräftemangel die Rede, sodass die Jugendlichen die Bedeutung ihrer Bildung immer mehr wertschätzen.

Das besonders starke Streben nach höheren Abschlüssen hat auch Einfluss auf den Unterricht. Die Lerngruppen sind verschiedener als früher geworden. Mit dieser Heterogenität müssen die Lehrer lernen umzugehen. Das Zauberwort der Stunde heißt Binnendifferenzierung. In der Realität bedeutet das, dass der Lehrer in vielen Phasen drei verschiedene Schwierigkeitsstufen anbieten muss, um jeden angemessen zu fördern und fordern. Mit dieser Herkulesaufgabe wurde ich in meinem Studium allein gelassen. Es hieß immer, dass Binnendifferenzierung sehr wichtig sei, aber das ist zu praktisch, um jetzt theoretisch in der Universität zu besprechen. Im Referendariat hieß es dann, dass die Binnendifferenzierung viel zu elementar ist, um jetzt noch behandelt zu werden. Ich solle jetzt lieber diese Lücken schließen mit theoretischen Texten. Ein besonderer Fokus sei auf die Individualität zulegen. Die Schüler sollen ihren eigenen Lernfortschritt überwachen und in ihrem eigenen Lerntempo möglichst selbstständig den Unterrichtsstoff entdecken. Dabei muss der Schuler selbst Verantwortung für seinen Lernzuwachs übernehmen, wobei die Lehrkraft beratend Beiseite steht. Trotz allem muss ein Mindestmaß an Kompetenzen erreicht werden. In diesem Spannungsfeld stehen Schüler wie Lehrer.

Schwierig wird diese Entwicklung für die Schüler, die merken, dass sie die überhöhten Anforderungen der Gesellschaft und den damit verbundenen Druck nicht aushalten. Diese rebellieren stellvertretend gegen die Lehrkraft und behindern ihre Mitschüler. Das nimmt besonders seltsame Verhaltensweisen an. Mitunter freuen sich Schüler darüber, dass sie von sieben Aufgaben zwei mit einem E (erfüllt) abschließen können. Der Rest der Klassenarbeit hätte genauso gut ein Stück Landstraße bei Oyten schreiben können. Kurz: Mit Noten wäre die Arbeit im mangelhaften Bereich gewesen. Dies habe ich sehr deutlich in meinen für jeden Schüler individualisierten Schüler Text geschrieben. Dabei wurde bewusst auf die persönliche Entwicklung eingegangen, um zu motivieren. Hierbei wurden auch die persönlichen Stärken gelobt. Dabei hatte ich dann das Gefühl, dass gerade diese schwächeren Schüler den Ernst ihrer Lage nicht erkennen und dann nicht zu einer Verhaltensänderung bereit sind. Ich erwarte gar keine Entschuldigung, keine gleichgeschalteten Roboten. Ich möchte nur, dass die Schüler meine Autorität respektieren, um ein zivilisiert mitteleuropäisches Miteinander zu ermöglichen und den interessierten Schülern ihren Anspruch auf Bildung zu erfüllen.

Auch wenn Frauen von der Bildungsreform in den 70ern profitiert haben, sind es leider immer noch die Schüler aus den unteren Schichten, die in den oberen Schulformen immer noch unterrepräsentiert sind. Auch der Kontakt zu den Eltern erweist sich häufig als fruchtlos, da diese den Wert von Bildung nicht anerkennen und meinen, dass auch sie etwas erreicht haben ohne hohen Bildungsabschluss. Leider befinden wir uns heute in einer anderen Zeit, sodass immer mehr Fachkräfte benötigt werden, weil einfache Arbeiten häufig ins Ausland verlegt wurden. Sehr erhellend sind solche Gespräche immer, wenn die Verhaltensweisen von Respektlosigkeit oder mangelnder Reflexionsfähigkeit beobachtet werden können, die den Schulalltag so schwierig macht, auch bei den Eltern sieht. Interessant wird das Ganze, wenn alle pädagogischen Maßnahmen vom Schulleiter geblockt werden, außer ein das Gespräch, welches erstaunlicherweise nicht zur erhofften Verhaltensänderung führt. Aber wie soll ich damit umgehen?

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