Was wurde aus der Schere zwischen Arm und Reich?

house-3643439_1920.jpgSchon Steinmeier fragte, was der Kitt ist, der unsere Gesellschaft ist. Und hält dieser Kitt auch für die Zukunft? Er meinte, dass Mut das Fundament der Demokratie sei. Heute können sich 40% vorstellen ein autoritäres System zu unterstützen. Der Kitt bröckelt und lässt das ganze Fundament erzittern. Doch der Kleister ist die soziale Gerechtigkeit. Doch wie ist es darum gestellt? Traditionell vor den Wahlen oder zum jährlichen Armutsbericht entdecken vermeintliche linke Parteien die soziale Gerechtigkeit und es wird die vielzitierte Schere zwischen Arm und Reich betrachtet. Geht sie weiter auf oder wieder zu? Der Artikel soll die Ursachen und die Entwicklung der sozialen Ungleichheit beleuchten.

Der Gini-Koeffizient kann zwischen 0 und 1 liegen und beschreibt die Verteilung von Geld. Sollte er bei 0 liegen, haben alle Menschen in dem System das Gleiche. Liegt der Gini-Koeffizient bei 1, besitzt einer das Gesamtvermögen. Aktuell liegt der Koeffizient in Deutschland für die Vermögensverteilung bei 0,791, einen der höchsten in ganz Europa. Anders ausgedrückt besitzt die ärmste Hälfte der deutschen Bevölkerung 2,23% des Gesamtvermögens. Das ist genauso viel wie die reichsten 45 Deutschen. Wenn wir die Entwicklung betrachten ist klar zu erkennen, dass besonders ab 1998 das Gefälle zwischen Arm und Reich gestiegen ist. Während die Armutsverteilung 1973 von 0,75 auf 0,62 im Jahr 1993 gesunken ist, stieg sie auf 0,77 im Jahr 2002 und ist seitdem etwa konstant auf knapp 0,8. Was war geschehen?

Die damalige schwarz-gelbe Koalition unter Kohl hatte die Vermögenssteuer von 1% aufgrund eines Bundesverfassungsgerichtsurteil wegen anachronistischen Bewertung von Häusern und Grundstücken nicht mehr eingetrieben. Während Sozialdemokraten gegen die Umverteilung von unten nach oben wetterten, sollten nur 3 Jahre vergehen bis die rot-grüne Regierung den Spitzensteuersatz von 53 auf 42% gesenkt hatte. Zwei Jahre später, im Jahr 2002, wurden die Hartz IV Gesetze beschlossen, da es kein Recht auf Faulheit gebe. Sollte ein Arbeitsloser sich nicht kooperativ verhalten, werden ihm erst 10, dann 30 und schließlich 100% gekürzt. Gleichzeitig wurde das Schonvermögen auf 150€ x n gekürzt, wobei n die Anzahl der Lebensjahre sind. Sozialleistungen werden also nur noch ausgezahlt, wenn kein nennenswertes Vermögen mehr vorhanden ist. Dieser enorme Druck führte neben der deutlichen Verarmung von Arbeitslosen zu einem europaweiten einzigartig großen Niedriglohnsektor. Ab 2007 wurde die Mehrwertsteuer von 16 auf 19% erhöht und ist damit die größte Steuererhöhung seit 1949. Der Trend wird noch durch steigende Mieten, erhöhte Energiesteuern und der Umlage für das Erneuerbare Energien Gesetz gestärkt. Besonders Geringverdiener sind davon stark betroffen.

Trotz allem gibt es einen Lichtblick. Seit 2007 spreizt sich die Schere nicht noch weiter. Besonders positiv zu erwähnen ist die Einführung des Mindestlohns. Seit 2013 konnten  die untersten 10% der Gesellschaft dank dem Mindestlohnt deutliche Reallohngewinne von rund 13% verzeichnen. Leider gilt der Mindestlohn nicht für alle Branchen und es gibt immer wieder zwielichtige Unternehmen bei denen die Stunde plötzlich 80 oder mehr Minuten hat. Jetzt trotz allem von sozialer Gerechtigkeit zu sprechen, ist weit verfehlt. Während die inflationsunbereinigten Löhne von 1991 bis 2000 der Unterschicht real gesunken sind, sind im gleichen Zeitraum um die Hälfte gestiegen. Die Produktivitätssteigerung wurde nur an die Reicheren weitergegeben. Nach 2000 stiegen die Löhne und der Gewinn der Kapitalisten gleichmäßig an. Die Arbeiter bekamen davon nur einen kleinen Anteil ab. Auch wenn der Mindestlohn ein Schritt in die richtige Richtung ist, müssen weitere folgen. Ein Arbeiter, der in Vollzeit sein ganzes Arbeitsleben verbringt, erreicht im Alter nicht einmal die Mindestrente. Er muss noch Grundsicherung in Form von Hartz IV beantragen. Was ist das für ein Leben, wo lebenslanges Leben nicht reicht für die Mindestrente? Wie lange wird es noch dauern bis aus dem Mut Unmut erwächst um das Haus der Demokratie einzureißen?

28 Kommentare zu „Was wurde aus der Schere zwischen Arm und Reich?

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  1. Alles richtig, aber wie sieht die Lösung aus? So ein Schwachsinn wie Grundeinkommen kann es ja wohl nicht sein. Den ganzen Tag auf der Faulen haut liegen und Kohle einstreichen?

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    1. Das Grundeinkommen sehe ich auch nicht als Lösung, da sich die utopischen Effekte schnell in eine Dystope umschlagen können.
      https://haimart.wordpress.com/2018/12/04/mit-utopischen-ideen-rasant-in-die-dystopie/

      Wo ich eine Lösung sähe, wäre in der Verkürzung der Wochenarbeitszeit bei vollem Lohnausgleich. Schon MArktwirtschaftlich würde sich das Angebot der Arbeitskraft reduzieren, was den Preis nach oben drehen sollte. Gleichzeitig hätten alle mehr Freizeit und wäre glücklicher.
      https://haimart.wordpress.com/2018/04/11/arbeitszwang-abschaffen/

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