Ein von Neuronen gelenkter Zellhaufen

 

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Bild von Alex Yomare auf Pixabay

Auch wenn es mir schwer fiel mich in meiner Rolle als Lehrerin zurecht zu finden, ist es jetzt das was ich vermisse. Ich bin eine der berühmten Fachkräfte, die immer nur Zeitverträge bekommen bis zu den Sommerferien. Jetzt sind die Ferien vorbei und ich bin arbeitslos, arbeitsbefreit. Aber ich fühle mich nicht frei, sondern gefesselt von meinen eigenen Fäden. Es kommt mir alles so schrecklich sinnlos vor. 

Mittlerweile schaffe ich es auch ohne Arbeit meinen Tag einigermaßen regelmäßig zu gestalten. Aber wenn die Schlafenszeit nicht mehr durch Arbeit unterbochen wird, dann gibt es viel Zeit unangenehme Fragen zu stellen. Ich bin etwa 30 Jahre alt und trotzdem frage ich mich was ich noch von diesem Leben zu erwarten habe. Was macht schon noch Sinn? Eigentlich könnte ich Ich kann jetzt meine Freiheit genießen und doch fühlt es sich wie die Verdammnis an. Ich bin gefangen von mir selbst. Ich möchte mir nicht eingestehen, dass mein ganzes Studium umsonst war. Ich überlege und überlege. Ich versuche mich selbst neu zu erfinden. Ursprünglich wollte ich gar nicht Lehrer werden, aber mit meinen Fächern besteht nicht wirklich eine Wahl. Auch wenn ich frei bin, fühle ich mich getrieben. Getrieben von meinen Gedanken und der eigenen Ohnmacht. Als ich noch Lehrerin war, habe ich mich häufig über die Missständnisse beklagt und doch hat es meine Depressionen in Schach gehalten. Jetzt wird der Schatten mit jedem Tag größer und ich versuche mich vor mir selbst zu befreien und doch fliehe ich immer nur in die Gesellschaft meiner Freunde. Ich fliehe vor meiner Einsamkeit. Und dann kommt sie jede Nacht wieder. Es ist fast Äquinoktium: Bald werden die Nächte wieder länger als die Tage sein. Dieser Gedanke lässt mich erschaudern. Mittlerweile bewerbe ich mich deutlich weiter entfernt von meinem Wohnort. Und dann frage ich mich, lebe ich zum Arbeiten oder arbeite ich zum Leben? Wenn ich tatsächlich wegen der Arbeit umziehen muss, werde ich meine Freunde verlassen müssen. Es fühlt sich so an, als ob jeder meiner nächsten Schritte die falschen sind. Wenn ich weiter arbeitsbefreit bleibe, macht es mich krank. Aber wenn ich meine Freunde verlasse, dann bin ich nur noch meine Arbeit. Meine ganze Persönlichkeit ist eine Einbildung. Ich bin nur einer von Neuronen gelenkter Zellhaufen, der das machen möchte, was er ablehnt: Lehrerin sein.

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